Nikos, sei heiter

An meinen Freund Nikos Kotzias, griechischer Außenminister
04.07.2015

Lieber Nikos,

dass ich mit meinen Gedanken in Griechenland und auch bei Dir bin, versteht sich bei unserer über mehrere Jahrzehnte gehenden Freundschaft ganz von selbst. Am Sonntag werden wir das Ergebnis des Referendums sehen und Schlussfolgerungen daraus ziehen, wie es politisch weitergeht. Immer wieder habe ich versucht, auch mich zu hinterfragen, was haben wir richtig gemacht und über welche Fehler müssen wir nachdenken. Das Volk zu fragen und um eine Entscheidung zu bitten, kann kein Fehler sein. Gerade wir Sozialisten und Kommunisten müssen uns bei unserer Geschichte immer wieder an das Volk, an die Bevölkerung wenden. Ich denke, dass das Ergebnis der Volksbefragung den Nebel der Lüge und der Verleumdung zerreißen wird.

Vom Präsidenten des Europaparlamentes, dem Sozialdemokraten Martin Schultz, lese ich gerade die unglaubliche Verleumdung „Tsipras ist unberechenbar und manipuliert die Menschen in Griechenland“. Dass nach dieser Beleidigung die Schlussfolgerung folgt, es gäbe keine Gesprächsgrundlage mehr, ist schon fast alltäglich.

An Griechenland und Syriza scheiden sich die Geister. Was will man mit einer Sozialdemokratie anfangen, die solchermaßen mit Partnerinnen und Partnern umspringen will?

Ich habe den SPD-Chef Gabriel, Angela Merkel und Wolfgang Schäuble im Bundestag erlebt. Nein, das ist nicht das Europa, das ich mir wünsche. Das Europa, das ich mir wünsche, verkörpert ihr, lieber Nikos, und dafür danke ich Euch.

Rosa Luxemburg hat oftmals ihre Briefe mit dem Gruß „Sei heiter“ abgeschlossen. Sei heiter, lieber Nikos, das Volk wird siegen. Dessen bin ich mir sicher.

Solidarische Grüße,

Wolfgang