"Erst wenn wir wieder Frieden haben ..."

Die zwei internationalen sozialistischen Frauenkonferenzen Bern 1915 und Stockholm 1917
30.09.2015

Einführung von Marga Voigt im Rahmen des Symposiums der Hellen Panke Berlin zur Rolle von Sozialistinnen im Kampf gegen den Krieg und ihren zwei richtungsweisenden Konferenzen Bern 1915 und Stockholm 1917 am 26. September

 

„Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste der Hellen Panke, liebe Freundinnen und Freunde.

Ich freue mich, dass Sie heute zum Symposium über die zwei internationalen sozialistischen Frauenfriedenskonferenzen in der Zeit des 1. Weltkrieges gekommen sind und sich mit mir und Expertinnen und Experten auf die schmale und besondere Spur der Sozialistinnen in der Geschichte des Kampfes um die Beendigung des Krieges begeben werden.

Ihr internationaler Friedenskampf wurde in den sozialdemokratischen Burgfriedens-Parteien der kriegführenden Länder gering geschätzt, ausgegrenzt, unterdrückt und verfolgt. Er gelangte – wenn überhaupt – nur an die Ränder von Geschichts(be)schreibungen.

Zunächst möchte ich allen ReferentInnen herzlich für ihre Bereitschaft danken, im Rahmen eines speziellen Symposiums ihre Forschungsergebnisse und -eindrücke zur sozialistischen Frauenfriedensbewegung vorzutragen. Langjährig sind ihre Forschungserfahrungen und manche Erkenntnis hat sogar den bewussten langen Bart, aber manches Ergebnis ist erst neueren Datums.

Für mich war alles neu, als ich vor mehr als vier Jahren begann, mich dem Studium der Briefe Clara Zetkins während des 1. Weltkrieges zu widmen. Ich freue mich sehr, vor dem Abschluss meines Buchmanuskripts dieses Symposium konzipieren und bei der Berliner Rosa-Luxemburg-Stiftung Helle Panke durchführen zu können.

Mein Forschungsthema sind die Briefe Clara Zetkins – sie sind ein ausführliches und deutlich schönes Zeugnis für den Friedenskampf der Frauen, der Genossinnen der Sozialistischen Fraueninternationale. Sie wurde 1907 gegründet, als der Internationale Sozialistenkongress nach Stuttgart einberufen wurde.

Stuttgart war der politische Wirkungskreis von Clara Zetkin, nachdem sie sich – nach dem Fall des Sozialistengesetzes (1878–1890) – aus dem Pariser Exil wieder in Deutschland ansiedelte. Sie wählte die Hauptstadt des liberaleren Königreiches Württemberg zu ihrem Wohn- und Arbeitssitz, und reiste dorthin – alleinerziehend mit ihren zwei Söhnen, dem siebenjährigen Maxim und dem fünfjährigen Kostja. In Stuttgart war sie Aktivistin der starken Stuttgarter Linken um Friedrich Westmeyer. Sie war Mitglied der Presskommission bei der „Schwäbischen Tagwacht“, der führenden Zeitung der Württemberger Sozialdemokratie, und redigierte seit 1892 die Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die im Verlag von Johann Heinrich Wilhelm Dietz in Stuttgart, dem Parteiverlag der SPD, gedruckt wurde.

Auf der Gründungsversammlung der Sozialistischen Fraueninternationale wurde Clara Zetkin zur vorsitzenden Sekretärin gewählt und die Frauen beschlossen, die Zeitung „Gleichheit“ zum Zentralorgan ihrer Internationale zu machen. Sie beriefen die ausländischen Genossinnen zu deren internationalen Korrespondentinnen. In allen Ländern gab es sozialdemokratische Frauenblätter und in den Archiven der europäischen Parteien und sozialen Bewegungen schöpfen wir in den Jahrgängen 1914–1918 Material und Quellen auf den Spuren der sozialistischen Frauenbewegung und ihrer Friedensbewegung während des 1. Weltkrieges, besonders in den neutralen Ländern.

Denn bei aller Forschung und Debatte zur historischen sozialistischen Frauenfriedensbewegung müssen wir uns ins Bewusstsein rufen, dass sie unter den Bedingungen des Burgfriedens, des Belagerungszustandes und der Pressezensur – also illegal – erfolgen musste. Nicht selten, wie im Falle Clara Zetkins, kam zu allem noch die Briefzensur hinzu. Insofern ist – damals wie heute – jeder Fund von klaren Aussagen gegen den Krieg ein Pfund ihrer Kühnheit und ihres Einfallsreichtums, ein Pfund ihrer Klugheit in der Hand der Friedenskämpferinnen von damals und heute.

Eine umfassende Analyse all dessen steht noch aus. Wir werden ihr heute einen Baustein hinzufügen. Clara Zetkins Anteil für die Friedensbewegung der deutschen und europäischen Sozialistinnen war ein Meilenstein, von den europäischen Sozialistinnen geehrt und gewertschätzt. Ihnen allen ging es mit ihren bekannten und weniger bekannten Schriften, Zirkularen, Kundgebungen und ihrem persönlichen Einsatz, immer darum, Friedens-Aktionen auszulösen, immer darum, wie Clara Zetkin es sich zu eigen machte, den jeweiligen Führungen der Sozialdemokratie „die Verpflichtung einzuschärfen, für den Frieden kräftige Propaganda zu entfalten“.

Deshalb wurde Clara Zetkin nicht müde, aufzuzeigen, was in anderen Ländern von ihren Genossinnen Sozialistinnen in dieser Beziehung bereits geschehen ist und geschehen wird. Immer wieder legte sie dar, dass die Gründe nicht stichhaltig seien, auf die sich die deutsche Sozialdemokratie „offiziell beruft, um eine Friedensagitation zu unterlassen“.

Ihre Schlussfolgerung war, wenn die Sozialdemokratie nichts für den Frieden tut, die Männer im Felde nichts für den Frieden tun können, dann müssen und sollen die Frauen ihre Stimme für den Frieden erheben.

Was nun die Möglichkeiten anbetrifft, mit denen Frauen Friedensagitation betreiben sollen, so kämen für sie „die verfassungsgemäß zustehenden Rechte und Mittel“ in Betracht. Clara Zetkin dachte in erster Linie daran, dass der Wille des Volkes zum Frieden in Presse und Versammlungen der Regierung zur Kenntnis gebracht werden soll.

Dass sie persönlich mit ihrem Treiben „zum Ungehorsam gegen Gesetze und zu tätlicher Widersetzlichkeit“ aufgefordert haben soll, hat Clara Zetkin immer entschieden bestritten: auf den beiden Gerichtsvernehmungen im Jahr 1915, die ihr strafbares Verhalten untersuchten und deren Anklageverfahren auf versuchten Landesverrat bis zum Ende des Krieges über ihr „schwebten“.

Erstmals am 16. Juli 1915, wegen ihres Artikels „Für den Frieden“ in der Zeitschrift „Internationale“. Vor dem Untersuchungsrichter brachte sie ihre Einstellung auf folgenden Punkt: „Mein ganzer Artikel ist in der Hauptsache nichts anderes als eine Polemik gegen die Leitung der deutschen Sozialdemokratie, die nicht energisch genug für den Frieden eintritt.“

Und ein zweites Mal, in der Zeit vom 30. Juli – 25. September 1915, vor dem Untersuchungsrichter in Karlsruhe, als sie wegen des Berner Frauen-Friedensmanifestes vom März 1915 vor dem Untersuchungsrichter stand. Da übernahm sie die Verantwortung für den Inhalt und die Drucklegung des Manifestes und sagte deutlich: „Das Flugblatt bezeichnet den Krieg mit Recht als einen kapitalistischen imperialistischen Eroberungskrieg. Er ist es auch.“

Clara Zetkin wurde auf Grund einer Denunziation des sozialdemokratischen Blattes „Volksfreund“ verhaftet. Das berichtete am 17. Juli 1915 von einem Flugblatt an die Frauen, das „in unverantwortlichen Redensarten, mit denen nicht das geringste bezweckt wird und nur die Gemüter erregt werden ... gestern Abend und in der Nacht hier verbreitet worden ist“. Auch in Berlin wären aus dem gleichen Grunde „mehrere Frauen verhaftet worden, die schwer bestraft werden können“, machte der Schreiber Angst.

Das Ergebnis der Denunziation war, dass in den nächsten Tagen 18 Genossinnen und Genossen verhaftet wurden, darunter Clara Zetkin am 29. Juli. Im Bericht über die Verhaftungsumstände, von einem Herrn Klaiber von der Königlich Württembergischen Landespolizeizentralstelle – nach Ersuchen des Untersuchungsrichters des Reichsgerichts – am 11. August 1915 ausgestellt, geht die Rede von „der bekannten eifrigen und temperamentvollen Führerin des radikalsten Flügels der deutschen Sozialdemokratie“. Sie sei nach einer Hausdurchsuchung in Stuttgart – samt ihrer Redaktionsmitarbeiterin Hanna Buchheim – verhaftet und „mit Schnellzug II. Klasse nach Karlsruhe überführt“ und ins Amtsgerichtsgefängnis verbracht worden.

Clara Zetkin benutzte den deutschen Gerichtssaal als Bühne zur Aufklärung und Aufrüttelung gegen den Krieg und erklärte unverblümt, dass sie an alle in der gegenwärtigen Situation möglichen Mittel zur Äußerung des Friedenswillens dachte: „in Versammlungen, Sitzungen, in der Presse und in der Agitation von Person zu Person und in der breitesten Öffentlichkeit“. Sie habe dabei an friedliche Kundgebungen der Frauen auf der Straße „durch Umzüge mit Vorantragung von Fahnen mit Friedensaufschriften“ gedacht. Die Friedensbewegung der Sozialistinnen in Bern war nur auf die Frauen gemünzt, sagte sie vor Gericht:

„Keine Regierung wird jetzt wagen, gegen sie sofort mit blutigen Gewaltmaßregeln vorzugehen. Alle Regierungen müssen deswegen die Erbitterung und Empörung im Lande und draußen im Felde fürchten.“ Aber die Sozialistinnen hätten selbstverständlich die Unterstützung der Männer dabei nicht abgelehnt.

Clara Zetkin schwebte vor, dass die Regierungen aller Länder die Massenkundgebungen der Frauen nicht unbeachtet lassen könnten und zeigte sich überzeugt, die Regierungen würden dann „ihre Kriegsziele, ihre Geneigtheit zum Frieden“ und ihre Bedingungen für den Frieden kundtun und es könne dann endlich zu Verhandlungen der Regierungen untereinander kommen.

Clara Zetkin ging davon aus, dass die Arbeit der Frauen in der Familie und in der Gesellschaft während des Krieges eine derart erhöhte Bedeutung erlangt hat, dass der Wille der Frauen zu einem „politischen Faktor“ wird. Und sie erklärte freitmütig und ungeschminkt, dass ohne die Mitwirkung der Frauen „der ganze soziale Mechanismus“ längst still gestanden hätte.

Aus dem hohen tätigen Anteil der Frauen am Funktionieren der Kriegs- und Volkswirtschaft leitete sie die Rechte der Frauen ab, künftig an allen gesellschaftlichen Entscheidungen auch Anteil und Mitwirkung zu haben. Eben auch an künftigen Entscheidungen über Krieg und Frieden. Und deshalb ihre so unermüdliche Willenskundgebung zum Friedensschluss. Sie unterlag, der Krieg dauerte länger als vier Jahre.

Zum Schluss noch einmal die deutliche Ansage von Clara Zetkin als These: Der Kampf für den Frieden muss grundsätzlich vom sozialistischen Standpunkt aus geführt werden.

Was bedeutete das damals? Können die Sozialistinnen von vor einhundert Jahren uns heute Friedensfreundinnen und Ratgeberinnen sein?

Darüber wollen wir in einem Symposium debattieren und uns einen Vormittag und einen Nachmittag Zeit nehmen, ihre Friedens-Kämpfe zu würdigen.

Mit klarem Blick müssen wir aber auch hinsehen, dass sie – die Sozialistinnen-Friedenskämpferinnen – unterlagen! Der Krieg war die bittere Wahrheit. Der Frieden unterlag! Warum?

Und dennoch! Das Ringen der Sozialistinnen gilt es herauszustellen: ihre Klarheit der Erkenntnis über die Ursachen des Krieges, ihren Mut bei der Überwindung übergroßer Schwierigkeiten, ihr Unerschrockensein, über Burgfrieden und Schlachtfelder hinweg; ja, ihren TÄTIGEN Willen zum Frieden überhaupt!

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer, schließen wir mit unserem Symposium heute Lücken unseres Wissens über den schmalen Pfad für den Frieden vor 100 Jahren.

Seien wir dabei wissenschaftlich und leidenschaftlich. Wer sagt, dass Leidenschaft nur eine emotionale Seite hat. Hat sie nicht ebenso eine geistige, ethische und sittliche Seite? Sind Leidenschaft wie Wissenschaft nicht beide gleichermaßen unentbehrlich für gesellschaftlichen Zusammenhalt? Wenn auseinander driftet, was zusammengehört? – Mann und Frau, Heim und Straße, Stadt und Land, die Güter, Geschichten und Kulturen der Welt?

Clara Zetkin stieg an der Spitze einer sozialistischen Fraueninternationale „in den Ring“ um die Veränderung der Welt zu einem Besseren hin, mit dem Ruf nach der Beteiligung der Frauen daran. Eine ihrer klaren Ausssagen im Krieg steht dafür bildhaft, als sie 1917 an Anna Lindhagen in Schweden schrieb:

„Wir verlangen grundsätzlich das Recht zur Mitwirkung an dem Friedenswerk für die Vertretung aller Frauen von allen Regierungen. Da müssen wir das gleiche Recht auch in den eigenen Reihen grundsätzlich fordern und praktisch geltend und wirksam machen.“

Und:

„Gerade weil wir Frauen weibliche Menschen“ sind, schrieb sie, „nicht mißratene, verpfuschte Kopien der Männer“ und „unsere eigenen geistigen und sittlichen Werte für die Betrachtung und Lösung der vorliegenden Probleme“ mitbringen.

Liebe Referentinnen und Referenten, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Danke, dass Sie sich – in der Frühe eines Samstags – mit mir in der Hellen Panke Berlin den Anstrengungen eines Symposiums stellen. Wird unser Symposium vielleicht ein Quell neuer Arbeit an der sozialistischen Frauen- und Friedensforschung sein können?

Mir wäre es recht, wenn wir den Impuls der Berner Tagung zu 100 Jahre Zimmerwald – vor drei Wochen – wie einen Staffelstab aufnehmen würden, nämlich den Gedanken nach einer zweiten Zimmerwalder Friedens-Bewegung heute!

Mir wäre – in diesem Berner Sinne – recht, dass wir uns eben nicht nur mit diesem einen Symposium über die sozialistischen Frauenkonferenzen zufrieden geben würden, sondern dass wir mit Fragen und neuen Denkansätzen auseinandergehen, um zusammen „im Ring“ zu bleiben.

Ich meine: Wir sind längst nicht am Ende der Debatte zur sozialistischen Frauenfriedensbewegung in Geschichte, Gegenwart und Zukunft.

Frauen- und Friedensbewegung sind vielmehr und weiter – da gehe ich ganz mit Frigga Haug – ein im Gehen zu erkundender Weg.

Dankeschön.“

 

Marga Voigt ist freiberuflich tätig. Ihr Projekt der Edition von Clara Zetkins Briefen während des Ersten Weltkrieges wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Die Publikation des Briefbandes ist für die Leipziger Buchmesse im März 2016 geplant.