Inmitten des Krieges

Hilfslieferung in die Ostukraine gebracht
25.11.2015
Wolfgang Gehrcke

Unsere Reise in den Donbass, das ist die Südostukraine, war eine Reise in den Krieg. Wie alle Kriege, ist auch dieser Zerstörung, Verzweiflung, Blut, Dreck, zusammengeschossene Gebäude, Verletzungen von Leib und Seele. Auch dieser Krieg hat Verursacher ebenso wie Leidtragende. Mit unserer Hilfsaktion wollten wir Leiden mildern und Hoffnung auf ein Ende der Gewalt verbreiten. Das ist uns gelungen im Krankenhaus in Gorlowka, in der Stadt und im Gebiet Donezk. Wir haben genau hingeschaut, haben die Zerstörungen ebenso wahrgenommen wie die Courage und die Leistungen der Menschen. Wir, das sind mein Bundestagskollege Andrej Hunko und ich und unser Team aus Hartmut und Ludmilla Hübner, Michael Schlick, Christiane Reymann, ohne deren Mitarbeit das Ganze nicht geklappt hätte, ohne die Ausdauer und den Einsatz von Freunden in Gorlowka und Donezk erst recht nicht. Die Medikamente, die von den 133.000 Euro Spenden gekauft wurden, können die ärztliche Betreuung im Kinderkrankenhaus drei Monate sicherstellen. Das ist nicht ausreichend, aber es werden Leben gerettet.

 

Hilfslieferung in die Ostukraine gebracht

 

Wir waren zum zweiten Mal über Russland nach Gorlowka gereist, zuerst im Februar dieses Jahres und dann jetzt. Das verurteilte das Außenministerium in Kiew laut Ukrainskaja Prawda (20. 11. 2015) als „illegale Überschreitung der ukrainischen Staatsgrenze durch die Abgeordneten der Fraktion DIE LINKE Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko“ und weiter: „Die Folge dieses unverschämten und bewussten Verhaltens der ausländischen Bürger und Politiker wird eine entsprechende Antwort der Strafverfolgungsbehörden der Ukraine finden.“ Hält mich diese Drohung davon ab, Medikamente nach Gorlowka zu bringen und mir ein Bild von der Lage in der Ostukraine zu machen? Mitnichten.

Umgekehrt will ich von der ukrainischen Regierung erfahren: Wer verantwortet, dass im Bruch von Minsk II in zivile Städte wie Gorlowka noch und wieder mit schweren Waffen geschossen wird und zwar Nacht für Nacht? Wer verantwortet, dass auf dem ukrainischen Territorium die Masten für die Stromlieferung auf die Krim gesprengt worden sind? Wer verantwortet, dass von Kiew aus kein Strom, kein Gas, kein Wasser in die Großstadt und das Gebiet Donezk gelangen, dass den Menschen dort Renten, Sozialleistungen, dass allen, die sich um das Öffentliche kümmern, von Ärzten, Krankenschwestern bis Polizisten, Lehrern oder der Müllabfuhr ihre Löhne vorenthalten werden? Die Ukrainischen Regierung klassifiziert den Chefarzt des Krankenhauses, Deniz Taranow, oder den Opernsänger Wladimir Wjurow, Vorsitzender der Stiftung „Schönheit rettet die Welt“ oder den Vorsteher des russisch-orthodoxen Männerklosters in Astrachan, Igumen, Pjotr, als „Terroristen“; hier sind nur drei von den vielen Menschen erwähnt, die die Hilfslieferung möglich gemacht haben. Für mich hingegen wird durch die Kiewer Regierung Terror gefördert, indem sie die Untaten des Rechten Sektors duldet, faschistisches Gedankengut verharmlost – und ist etwa Granatenbeschuss durch die ukrainische Armee kein Terror?

Bilder des Krieges sind die Ruinen des völlig zerschossenen Flughafens „Sergeij Prokofjew“ in Donezk, er war der modernste in Europa, zerstörte Wohnhäuser, abgebrannte Kirchen und selbst Tote hat man auf dem Friedhof in Donezk nicht in Frieden ruhen lassen, sondern sie bombardiert. Im Kinderkrankenhaus von Gorlowka werden auch traumatisierte Kinder behandelt, ihre Erlebnisse haben sie in Zeichnungen festgehalten: Von der Front mit der ukrainischen Flagge schießen Soldaten auf Autofahrer, Babys, Mütter. Bomben aus einem Flugzeug zerstören ein Wohnhaus. Das ist die wahre Geschichte des Krieges.

Und es gibt Laute des Krieges. In Gorlowka gilt von 22 bis 5 Uhr früh die Sperrstunde, keiner darf auf die Straße. In diesen Nächten, zwei verbrachten wir dort, sind die Geschosse und ist der Einschlag der Granaten besonders deutlich zu hören, wir konnten sie auch orten, sie kamen von der ukrainischen Seite. Ab 5 Uhr jault und bellt ein großer Chor von Hunden seinen Kummer in den aufziehenden Morgen. Rund 100.000 Menschen, ein Drittel der städtischen Bevölkerung, sind vor dem Krieg geflohen unter Zurücklassung ihrer Habe und ihrer Tiere. In Guernica hat Picasso nach den Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe das Leiden der gequälten Kreatur in die Form eines aufbäumenden, aufschreienden Pferdes gefasst. Für mich sind die Hunde von Gorlowka Inbild der gequälten Kreatur in einem Krieg mitten in Europa.