12.08.2009

Motivation

Es gibt Erlebnisse und Erfahrungen,
... die sich ins Gedächtnis einbrennen. 2001 besuchte ich El Salvador. Über 30 Jahre Bürgerkrieg haben das Leben in diesem Land geprägt. Der Friedensschluss ist noch fragil, die Rechte stark, ein Menschenleben zählt wenig. Jetzt geht es darum, mitzuhelfen, dass sich die Ex-Guerilla als politische Partei konstituieren kann. Es gelingt; mit guten Chancen übrigens, in El Salvador 2009 die Präsidentenwahlen zu gewinnen. Ein nach El Salvador »ausgewanderter« Deutscher bittet mich, ihn in eine Kaffee-Kooperative in den Dschungel zu begleiten. Vorsitzende der Kooperative ist eine Frau, eine Indigena. Sie hat früher in der Befreiungsfront gekämpft und ist stolz auf das wenige, steinige Land, das heute ihrer Genossenschaft gehört. Eines ihrer Kinder, Pablo, sitzt auf meinem Schoß und bestaunt den Gringo, der in ihr Dorf gekommen ist. Als wir in den Dschungel aufbrechen, fängt er furchtbar an zu weinen. Er darf nicht mit, Pablo hat keine Schuhe. Und so trage ich ihn dann auf den Schultern.


Das bewegt mich bis heute. Ich will, dass die Pablos dieser Welt Schuhe bekommen und Bildung und Land und genug zu essen und dass sie selbst ihre Länder regieren. Wie Evo Morales, der indigene Präsident Boliviens. Ich fühle mich ihnen zugehörig, den Pablos dieser Welt. Nicht nur von meinem Verständnis des Sozialismus als Theorie der Befreiung her, sondern auch irgendwie aus meiner eigenen Geschichte.

Nachkriegskind, Jahrgang 43, aufgewachsen in Hamburg-Horn, in den Kriegstrümmern. Mutter war Reinemachfrau, Vater Straßenbahnschaffner und selbst ungeheuer neugierig auf die Welt. Grenzen wollte ich einreißen, soziale, kulturelle und Grenzen der Bewegungsräume. Ich erinnere mich gut der Scham in der Schule, die benutzten Bücher noch einmal benutzen zu müssen, der Ausreden, wenn kein Geld für einen Schulausflug da war. Auch des ständigen Streites meiner Eltern, wenn die nächste Ratenzahlung für die wenigen Möbel fällig war und es wieder nicht langte, und der immer wieder gewendeten Kleidung. Wir hier unten, ihr da oben – das lernte ich schnell. Und wissen wollte ich, wie kommt es und warum kommt es so? Mit dem Beginn meiner Lehre ging ich in die Gewerkschaft und in die sozialdemokratische Jugend, las Brecht und nahm an Marx-Schulungen einer Jugendgruppe teil. Den Wolfgang aus Hamburg-Horn und den Pablo ohne Schuhe in El Salvador trennen zwar Generationen und tausende Kilometer, aber ein gemeinsames Grundgefühl verbindet: Die Welt muss gerechter werden.

Kaum in die SPD eingetreten, flog ich im August ’61 wieder raus. Begründung: Brecht und Marx lesen und Engagement für die Ostermärsche der Atomwaffengegner, vom ersten Ostermarsch bis heute übrigens. Das langte aus in Zeiten des Kalten Krieges. Ich suchte Kontakte zur damals in der Bundesrepublik verbotenen KPD und wurde im Oktober 1961 in die Kommunistische Partei aufgenommen. Illegal versteht sich. Jüngst entdeckte ich in einem von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Handbuch des Linksextremismus meinen damaligen Parteinamen: Christian Hammerer. Gemeinsam mit anderen habe ich die Jugendarbeit der Kommunisten aufgebaut. Wir gründeten am 4./5. Mai 1968 (Marx-Geburtstag) die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend, SDAJ. Sie wählte mich zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden, und später bin ich sogar Vorsitzender geworden. Ich gründe die DKP mit und gehöre zeitweilig deren Parteivorstand und Präsidium an. In Hamburg werde ich zum Bezirksvorsitzenden gewählt. In der DKP engagiert, angezogen und angespornt von den antifaschistischen Widerstandskämpfern, setzt sich eine Vision bei mir fest: die der Aktionseinheit. Freiheit in der Diskussion und Einheit in der Aktion – über lange Jahre bleibt dies eine unerfüllte Vision.

1987, auf dem Höhepunkt der Krise in der DKP, schreibe ich mit Genossinnen und Genossen eine Streitschrift für eine moderne kommunistische Partei. Wir wehren uns gegen den Vorwurf, die DKP liquidieren zu wollen, und setzen dem entgegen: Wir wollen die kommunistische Bewegung nicht auflösen, sondern sie einbringen in eine größere Bewegung, in eine Partei der Linken. Dass noch einmal zwanzig Jahre vergehen müssen, bis sich die Chance für eine solche Partei in Deutschland ergibt, und dass sie sich tatsächlich in Deutschland, nicht in Italien, Frankreich oder Spanien, ergeben wird, ahnt damals keiner von uns. Eine solche Chance, eine in der Gesellschaft verankerte linke Partei, eine Partei des demokratischen Sozialismus aufzubauen, gibt es in einem Menschenleben wahrscheinlich nur einmal. Die deutsche LINKE, wir alle haben nicht das Recht, leichtfertig mit dieser Chance umzugehen.

Eine Konstante in meinem Leben war und bleibt der Kampf gegen den Krieg und die Verbindung zur Friedensbewegung. An der Frage »Krieg dem imperialistischen Kriege« oder »Vaterlandsverteidigung« spaltete sich die sozialdemokratische Bewegung. Voraussetzung für die Gründung der neuen LINKEN war, sich als Antikriegsbewegung zu konstituieren. Diesen wichtigen Schritt ist die LINKE gegangen. Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen – dies einzulösen bleibt die grundlegende Forderung an die deutsche Außenpolitik. Ich war während des Vietnamkrieges in Hanoi, als die US-Bomben auf die Hauptstadt fielen, und bin mit den vietnamesischen Genossen den Ho-Chi-Minh-Pfad gegangen. Während der Luftangriffe auf Beirut 2006 sah ich zerstörte Häuser und verwundete Menschen. Wieder waren es auch US-Bomben, abgeworfen von israelischen Flugzeugen. In El Salvador und Guatemala sind die Folgen der Bürgerkriege, auch hier US-Waffen, noch immer gegenwärtig. Das Kapital kämpft um eine Neuaufteilung der Welt, die LINKE um Frieden, gebaut auf Recht, Gerechtigkeit, Demokratie und Abrüstung.