Leserbrief zum Artikel "Tausende demonstrierten für den Frieden"

an den Chefredakteur Tom Strohschneider zum Artikel von Peter Nowak im ND vom 10.10.2016
11.10.2016

Lieber Tom Strohschneider,

der Artikel „Tausende demonstrierten für den Frieden“ gestern von Peter Nowak hat bei mir Erstaunen nicht über die politische Meinung des Autors, den ich gar nicht kenne, sondern über den Stil des Neuen Deutschland hervorgerufen. Ich will Dir das nicht verhehlen und Dich auf einige Punkte aufmerksam machen.

Schon allein die Unterzeile „Großdemo der Kriegsgegner in Berlin war nicht frei von inhaltlichen Kontroversen“ verwundert mich. Hast Du, lieber Tom Strohschneider, schon einmal eine Großdemo erlebt, die frei von inhaltlichen Kontroversen gewesen wäre? Ich jedenfalls nicht.

Im Artikel erfahre ich, dass es vor rund einem Jahr einen Streit um den Umgang mit den Friedensmahnwachen in der Friedensbewegung gegeben hat. Ich hätte aber gern erfahren, was Sahra Wagenknecht und Michael Müller, der Bundesvorsitzende der Naturfreunde, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu sagen hatten. Dazu allerdings: Fehlanzeige.

Dafür erfahre ich dann weiterhin, dass sich „ein Berliner VVN-BdA-Mitglied“ daran gestört habe, dass mehrere hundert Menschen aus dem Umfeld der Friedensmahnwachen mitdemonstriert hätten. Nun bedarf es Gott sei Dank keiner Genehmigung, sich an einer Demo zu beteiligen, aber: Hat das Mitglied der Berliner VVN-BdA auch einen Namen? Da ich selbst Mitglied der VVN bin, weiß ich, dass diese Organisation einige tausend Mitglieder hat. Etwas präziser wäre ganz informativ gewesen. Außerdem war „Frieden mit Russland“ eine der zentralen Losungen der Demo, wie man unschwer im Aufruf nachlesen kann. Und nicht nur eine Forderung der Friedensmahnwachen.

Mit Interesse habe ich auch gelesen, dass ein junges Paar etwas auf ein Schild geschrieben habe und dieses Pärchen dazu erklärt hätte, dass ihnen nicht bekannt sei, dass der Begriff „Eurasien“ von Rechten in Russland und Europa häufig verwendet werde. Hat das Pärchen, wenn es in der Zeitung etwas erklärt hat, auch Namen?  Namenlos bleibt auch, dass in unterschiedlichen Spektren die Forderung nach „besseren Kontakten“ zu Russland erhoben wird. Herausgehoben wird allerdings, dass dies bei Anhängern der DKP der Fall sei. Zitiert wird nun jedoch eine anonyme Gruppe, die sich selbst als ein „Freundeskreis“ versteht und vom Autor des Artikels als Gruppe junger Antifaschisten bezeichnet wird, mit ihrer Warnung von Putin’s Russland.

Lieber Tom Strohschneider, ich gehöre zu den Menschen, die immer noch daran glauben, dass eine Trennung von Meldung und Kommentar im Journalismus seine Berechtigung hat. Keine Leserin, kein Leser des Neuen Deutschland erfährt aus diesem Artikel, was am Brandenburger Tor tatsächlich stattgefunden hat. Das ist schade. Zumindest dieser Umgang mit einer großen Veranstaltung – ob 5.200 oder 8.000 – hätte sich gelohnt.

Ich bitte um Abdruck meiner kritischen Meinung, deswegen schreibe ich sie auch Leserbrief zur Veröffentlichung.

Wolfgang Gehrcke
stellvertretender Fraktionsvorsitzender der LINKEN im Bundestag