Schach in der Ping-Pong-Tradition

Bundestagsabgeordnete wetteiferten mit Gästen der Duma in Berlin
31.05.2017

Die sehr schlechten chinesisch-US-amerikanischen Beziehungen wurden seinerzeit durch die Teilnahme einer US-Delegation an einem Tischtennisturnier in China aufgelockert.

 

Schach in der Ping-Pong-Tradition

 

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sind ebenfalls schlecht, Eiszeit ist eingezogen. Lockerungsübungen zwischen Abgeordneten des russischen Parlamentes, der Duma, und des Bundestages sind dringend angesagt. Dazu trafen sich am 29. Mai 2017 eine Delegation der Russischen Staatsduma, die von Anatoli Karpow – FIDE-Schachweltmeister bis 1999 – angeführt wurde, und eine überfraktionelle Schachmannschaft des Deutschen Bundestages im Reichstagsgebäude. Die Veranstaltung war öffentlich, auch viele interessierte Gäste waren daher sehr gern gekommen.

Nach der Anregung von Anatoli Karpow zu diesem Turnier war die Verabredung von Seiten des Bundestages durch die Abgeordneten André Hahn (Sportausschuss) und Wolfgang Gehrcke (Auswärtiger Ausschuss) auf den Weg gebracht worden. Die technische Ausrichtung des Blitzschachturniers hatte der Berliner Schach-Landesverband übernommen.

In der Bundestagsmannschaft haben Dr. Dietmar Bartsch (Fraktionsvorsitzender DIE LINKE.), Eberhard Gienger (sportpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion), Katrin Werner (DIE LINKE), Hans-Christian Ströbele (Grüne), Dr. Diether Dehm (DIE LINKE) und Özcan Mutlu (Grüne) gespielt.

 

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Die Mannschaft der Russischen Staatsduma wurde vom langjährigen Schachweltmeister Anatoli Karpow (Fraktion Einiges Russland) angeführt. Mitspieler waren Alexander Schukow (Erster stellvertretender Vorsitzender der Duma und Präsident des russischen Nationalen Olympischen Komitees, Fraktion Einiges Russland), Juri Afonin (Fraktion KPRF), Wladimir Kononow (Fraktion Einiges Russland),  Pawel Savalny (Vorsitzender der Russisch-Deutschen Freundschaftsgruppe in der Staatsduma, Einiges Russland) und Alexej Burnaschow (Einiges Russland). Der Delegation gehörten noch weitere Abgeordnete der Staatsduma an.

 

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Alle Beteiligten bekundeten am Ende ihre aufrichtige Hoffnung, dass dieses Treffen als Zeichen der Begegnung und des fairen Wettstreits ein Auftakt für die zukünftige Fortsetzung und Vertiefung der Zusammenarbeit - auch auf parlamentarischer Ebene - durch Besuche zum Meinungsaustausch wie zur kulturellen Bereicherung und Zusammenarbeit zum Wohle beider Völker sein möge. Anatoli Karpow überreichte den Gastgebern des Bundestages als Erinnerungs-Geschenk ein Schachbrett mit persönlicher Widmung.

 

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Die Sieger des fairen Wettkampfes: Alle!
Unbestechliche Bewertung durch den Berliner Schachverband

 

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Nach der Begrüßung der russischen Gäste und der Zuschauer durch Wolfgang Gehrcke als gastgebender stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Russischen Parlamentariergruppe, bedankte sich der 12. Schachweltmeister Anatoli Karpow als Delegationsleiter der Mannschaft aus der russischen Duma für die Einladung nach Berlin. Besonders erfreulich, dass sich auch der Botschafter der Russischen Föderation in Berlin Wladimir Grinin die Zeit genommen hatte, zur Eröffnung des Abends anwesend zu sein. Aus fast allen im Deutschen Bundestag vertretenen Fraktionen fanden sich Abgeordnete zum Simultanspiel mit Anatoli Karpow und zu den nachfolgenden Spielen bereit. Ebenfalls auf Einladung des Bundestages waren Vertreter des Berliner Schachverbandes als „Unparteiische“ erschienen. So begrüßte der Präsident des Berliner Schachverbandes Carsten Schmidt alle Spieler, Politiker und die weiteren Gäste, auch aus dem eigenen Verband. Er erläuterte den Ablauf der Schachwettkämpfe, die dann vom Internationalen Schiedsrichter Horst Metzing an sechs Brettern bewertet wurden.

 

Schach in der Ping-Pong-Tradition

 

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Die Schachlegende Anatoli Karpow begann den Wettkampf mit einem Simultanspiel gegen die sechs Bundestagsabgeordneten Dr. Dietmar Bartsch, Eberhard Gienger, Katrin Werner, Hans-Christian Ströbele, Dr. Diether Dehm und Özcan Mutlu. Das erfreute offenbar auch den Berliner Schachverband, wo die meisten dieser Namen durchaus aus früheren Zeit einen guten Klang hatten, so z.B. Katrin Werner, die 1991 zur Deutschen Jugendmeisterschaft in Magdeburg in der Altersklasse u20w dabei war und auch heute ab und an noch am Schachbrett anzutreffen ist. Eher ungewöhnlich war zweifellos das Zusammentreffen des ehemaligen Turnweltmeisters am Reck, Eberhard Gienger, im Simultanschach mit den ehemaligen Schachweltmeister.

 

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Anatoli Karpow brillierte souverän mit schnellem und erfolgreichem Spiel. Nachdem sich als Erste Diether Dehm und Özcan Mutlu geschlagen gaben und dann auch Eberhard Gienger und Dietmar Bartsch aufgaben, kämpften nun noch Hans-Christian Ströbele (der trotz seiner siebenundsiebzig Jahre mit viel Freude und Kampfgeist sowohl beim Simultan wie auch in den Blitzpartien locker durchhielt) und Katrin Werner. Katrin Werner erreichte - nachdem auch Ströbele aufgab - dann schließlich (und als die einzige weibliche Gegnerin des Abends!) eine nahezu ausgeglichene Stellung gegen Karpow, was der Ex-Weltmeister mit einem Remis honorierte.

 

Schach in der Ping-Pong-Tradition

 

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Der Fraktionsvorsitzende der LINKEN, Dr. Dietmar Bartsch, und auch Özcan Mutlu (als Mitglied im Sportausschuss des Bundestages) mussten wegen anderer Verpflichtungen bald ersetzt werden, also übernahmen danach „Schachpolitiker“, nämlich der neu gewählte DSB-Präsident Ullrich Krause und der Präsident des Berliner Schachverbandes, Carsten Schmidt, deren Plätze. Beide waren für die Mannschaft des Deutschen Bundestags letztlich eine sehr willkommene Verstärkung, holten sie allein doch insgesamt 11 von 12 möglichen Punkten (Krause 6/6, Schmidt 5/6).

 

Schach in der Ping-Pong-Tradition

 

Auf russischen Seite kamen starke Spieler zum Einsatz: von der Duma Alexander Schukow (Erster stellvertretender Vorsitzender der Duma), Pawel Savalny (Vorsitzender der Russisch-Deutschen Freundschaftsgruppe in der Staatsduma, Einiges Russland), Wladimir Kononow (Einiges Russland), Juri Afonin (Fraktion KPRF), Alexej Burnaschow (Einiges Russland) sowie Andrej Siwow (Verteidigungsattaché der russischen Botschaft in Berlin). Anatoli Karpow war nicht tatenlos, sondern gab neben vielen Interviews seinen Mannschaftskameraden (nach den Partien!) des öfteren lehrreiche Tipps.

 

Schach in der Ping-Pong-Tradition

 

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Schiedsrichter Horst Metzing hatte die Tabelle jedoch fairerweise zur Einwechselung der „Nicht-Parlamentarier“ eingefroren und konnte so am Ende das bemerkenswert ausgeglichene Ergebnis der Politiker-Mannschaften 12:12 verkünden. Der Berliner Schachverband das Ereignis übrigens auf seiner Homepage als sehr bemerkenswert und auch sehr detailliert gewürdigt, dorthin gelangt man hier http://www.berlinerschachverband.de/entry/karpow.html

Anatoli Karpow in Berlin – wie vor 44 Jahren
Erinnerungen an die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in der Hauptstadt der DDR

Bereits als 22-Jähriger war Anatoli Karpow während der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in der Hauptstadt der DDR und spielte damals gemeinsam mit Michail Tal (von 1960 bis 1961 der achte Schachweltmeister) und Wolfgang Uhlmann (ein deutscher Schachgroßmeister und Schachtheoretiker und der erfolgreichste Spieler in der DDR) simultan gegen viele FDJler und andere Enthusiasten aus dem In- und Ausland.

 

Zu ihnen gehörte auch der damals 36-jährige Gerhard Mietzelfeldt, heute einer von zwei Ehrenpräsidenten des Berliner Schachverbandes, die beide zum Parlamentarierschachturnier der Partei Die Linke eingeladen worden waren. Nach seinen lebhaften Erinnerungen gehörte er damals (zusammen mit einer jungen Dame) zu den letzten übriggebliebenen Gegnern von Karpow. Weil Mietzelfeldt nicht schnell genug zog, mahnte Karpow damals schon zur Eile, obwohl er selbst quer über den Platz laufen musste, um zur jeweils anderen Partie zu gelangen. Als Gerhard Mietzelfeldt seinerzeit 1973 seine Partie aufgab, einigte sich Karpow mit der Dame auf der anderen Seite schnell auf Remis.

Wie sich die Bilder gleichen: Diesmal saßen zwar am Ende die beiden Finalisten Katrin Werner und Hans-Christian Ströbele als verbliebene Spieler direkt nebeneinander, aber es kam 2017 wie 1973. Nach dem Aus für die tolle Partie von Hans-Christian Ströbele akzeptierte Anatoli Karpow ein Remis mit Katrin Werner für die beste Leistung dieses Tages im Simultanschach.

Gerhard Mietzelfeldt (80) hatte übrigens in der Hoffnung, mit der Schachlegende Anatoli Karpow ein paar Worte wechseln zu können, sein Heiligtum aus seiner Sammlung mit in den Bundestag gebracht: das Originalformular seiner Simultanpartie von 1973 mit der Unterschrift des damals 22-jährigen WM-Kandidaten Karpow. Am Montag ließ er sich also erneut eine Unterschrift auf diesem Originaldokument geben. Die schöne Episode ist auf der Web-Seite des Berliner Schachverbandes mit einem Faksimile dokumentiert, ebenso auch die damalige Partie zum Nachspielen.

 

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