05.05.2018
Wolfgang Gehrcke

200 Jahre Karl Marx, 50 Jahre SDAJ

Am 4./5.Mai 1968  gründete sich im Schloss Essen Borbeck die Sozialistische Deutsche Arbeiter Jugend (SDAJ). Zur Gründung hatte im Januar 1968 ein Ausschuss zur Gründung einer revolutionären deutschen Jugendorganisation aufgerufen. Liest man heutige Literatur zu den „68ern“, so komme ich nicht umhin festzuhalten, dass die 68eer politisch „enteignet“ werden sollen.

Nicht die Gründerinnen und Gründer der 68er APO, sondern die Mitläufer und Verfälscher wollen sich diese Tradition unter den Nagel reißen und sie in ihr Gegenteil verkehren. 1968 hätten wir uns gekringelt vor Lachen, wenn sich Typen wie Joschka Fischer oder Gerhard Schroeder als Aktivisten dieser Bewegung vorgestellt hätten. Sie spielten keine Rolle oder waren schlichtweg nicht oder nur am Rande dabei. Für Joschka Fischer gilt: Steine sind selten Argumente. Und Gerhard Schroeders Blick war schon damals fast ausschließlich und fest auf seine Karriere gerichtet. Geprägt wurden die 68er Proteste durch den SDS, Rudi Dutschke die Gebrüder Wolf, von der KPD-Fraktion im SDS, von Andreas Achenbach, Herbert Lederer und weiteren, vom Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler Marcella Knipping aus Essen, Diether Dehm aus Frankfurt. In der 68er Bewegung tauchte seit langer Zeit erstmalig eine eigene Arbeiterjugendorganisation auf, eben die SDAJ, von Rolf-Jürgen Priemer (Dortmund), Wolfgang Gehrcke (Hamburg) , Dieter Keller (Mannheim) und anderen. Am Gründungskongress der SDAJ war dieser Teil der linken Jugendbewegung, der sich im Umfeld der KPD plaziert hatte, zusammen mit Jugendlichen aus den Gewerkschaften, aus der beginnenden, sich formierenden Lehrlingsbewegung derjenige Teil, der von Anfang an auf Sozialismus setzte. Noch heute ist der Gründungsaufruf einer revolutionären sozialistischen Jugendorganisation, sein Autor war der Schriftsteller Christian Geissler, ein beispielgebendes Dokument der 68er Zeit.

68 war Zeit des Umbruchs – von Reform und Rebellion. Dies übrigens nicht nur von links nicht nur von der sich entwickelnden Jugendbewegung, sondern auch von Seiten des auf Modernisierung drängenden Kapitals. Das war eine der seltenen Situationen, wo die gegensätzlichen Richtungen in der Gesellschaft sich partiell trafen. Das Kapital wollte Modernisierung, die Bewegungen wollten Demokratie. Ein Beispiel dafür waren die Protestaktionen von Studierenden in der Hamburger Universität vor dem alljährlichen Einzug der Ordinarien. Zwei Studenten mit einem Transparent „Unter der Talaren der Muff von 1000 Jahren“. Das passte, denn das Kapital wollte eine moderne Bildung an Universitäten, Hochschulen und Betrieben, Lehrlinge, Schüler und Studenten wollten mehr Demokratie, mehr Freiheiten, ein anderes Leben. Letztere mussten lernen, dass das nur zu erreichen war, wenn die Erstgenannten entmachtet werden. Wichtig für die 68er war die Aufklärung über Nazi-Verbrechen und die Forderung nach Entfernung der Nazis aus der öffentlichen Verwaltung und aus Staatsfunktionen. Erinnert sei an den Adenauer-Intimus und Staatssekretär im Kanzleramt Globke, erinnert sei an den furchtbaren Marinerichter Filbinger und viele ähnliche Fälle.

Eine andere Lebensweise sollte Raum greifen. Der Konzentrationspunkt des Miefs von 1000 Jahren war damals und ist bis heute unverändert der Springer-Konzern, der – wenn es nach uns gegangen wäre – enteignet worden wäre. Immerhin: einige Tage konnte Springer in Hamburg, Frankfurt, Westberlin blockiert werden. Im Vorfeld von 68 herrschte in Deutschland (West) eine bleierne Zeit der „Ruhe“. 1956 wurde die Kommunistische Partei Deutschlands (wieder einmal) verboten, verboten war die Freie Deutsche Jugend in Westdeutschland, diskriminiert wurde die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Zusammengefasst: die Nazis waren wieder in Ämtern, die Linken wurden verfolgt. Das hatte sich 1945 keine vorstellen können und wollen. Kommunisten konnten erst 1968 mit der Gründung der DKP wieder im Rahmen einer legalen Partei arbeiten. Tausende Opfer des KPD-Verbotsverfahrens waren zu Gefängnisstrafen verurteilt worden. Gesinnungsschnüffelei und Berufsverbote warfen ihre drohenden Schatten an die Wände und sollten immer wieder Aufmüpfige einschüchtern.

In Vietnam führte der US-Imperialismus seinen grausamen Krieg der Völkervernichtung, übrigens mit Chemiewaffen wie dem Agent Orange, das bis heute Menschen in Vietnam wie unter den GIs auch verstümmelt hat. Die Solidarität der Linken in Deutschland und Europa, West und Ost, war eindeutig auf der Seite der um ihre Freiheit und Unabhängigkeit kämpfenden Vietnamesen. Erinnert sei an den Vietnam-Kongress des SDS in Westberlin und die rhythmischen Kampfrufe Vieler bei Demonstrationen: „Ho, Ho, Ho Chi Minh“. Erinnert sei auch an den Opfergang des frei gewählten Präsidenten Patrice Lumumba im Kongo, an den Kampf des ANC mit Nelson Mandela und der Kommunistischen Partei in Südafrika, erinnert sei an Angela Davis, für deren Freilassung auch wir mit anderen weltweit zusammen erfolgreich kämpfen konnten.

Die SDAJ war Teil einer Jugendbewegung, besser einer Jugendrevolte, und insofern nicht taub für die Erfahrungen der Antifaschistinnen und Antifaschisten in der Bundesrepublik, der DDR und der Sowjetunion. Antifaschistinnen und Antifaschisten wie Kurt Bachmann, Peter Gingold und viele andere waren die Dohle der SDAJ. Über  die Gründung der SDAJ als ein Test, ob sich in Deutschland (West) ein solcher Jugendverband überhaupt „etablieren“ konnte, haben wir in den 68er Zeiten häufig mit Kommunistinnen und Kommunisten aus der illegalen KPD, aus der DDR und der Sowjetunion ebenso wie mit sozialistischen Jugendverbänden debattiert.

Keine Frage: wir waren Internationalisten und fühlten uns auch so. Mit dem Mief der alten BRD wollten wir nichts zu tun haben. Es ging um eine sozialistische Alternative. Mit dieser Zukunftshoffnung gewann die SDAJ sehr schnell an Einfluss. Schon kurz nach der Gründung zählte sie über 1000 Mitglieder. Und ein Blick z.B. nach Frankreich – der französische Staatspräsident Charles de Gaulle war gerade vor dem rebellierenden Teil der Gesellschaft nach Baden-Baden zur französischen Armee geflüchtet – weckte in uns die Hoffnung: der Sozialismus klopft an die Tür! Es kam anders, leider, aber das Bild eines gesellschaftlichen Umbruchs bleibt unvergesslich. Ich war in dieser Zeit in Paris. Dieses Paris mit Panzern der französischen Armee auf den Straßenkreuzungen, tausenden Demonstranten, die sich ihnen entgegenstellten, habe ich nur noch einziges Mal in der sogenannten Nelkenrevolution hautnah erlebt. Auch heute denke ich angesichts der Rechtsentwicklung in Europa an den damaligen Triumpf der Herrschenden. Seid euch eurer Sache nicht so sicher!

All das drückt der Gründungsaufruf zu einer revolutionären sozialistische Jugendorganisation aus. Über die programmatischen Inhalte konnte 68 relativ rasch Übereinstimmung erreicht werden. Härtere Debatten gab es um den Namen. Der Fächer der Namensvorschläge und damit auch der politischen Überzeugungen ging eben von SDAJ über Sozialistische Jugend bis zu der Empfehlung, sich doch Kommunistischer Jugendverband Deutschlands zu nennen. Die SDAJ wollte in der BRD tätig sein, und verweigerte auf ihrem Gründungskongress eine Öffnung zu linken Teilen der Jugendbewegung und Protestbewegung in Westberlin. Dem Wunsch von Peter Brandt und seiner Gruppe „Neuer Roter Turm“, in der SDAJ mitzumachen, wurde eine harte Absage erteilt, leider.

Die Politisierung der Arbeiterjugend durch konkrete Aktionen stand im Zentrum vieler Aktionsprogramme. Noch heute finden sich „Spuckzettel“ mit solchen Losungen wie „Brauchst Du einen billigen Arbeitsmann, schaff Dir einen Lehrling an!“ oder „Hoch von Dach pfeift‘s jede Dohle: Brecht die Macht der Monopole!“ in Ecken und Winkeln von früheren Ausbildungsstätten. 68 war nicht nur eine Rebellion gegen die herrschenden politischen Verhältnisse, sondern auch und vor allem eine Rebellion der Kultur. Es sollte Schluss sein mit einer Kultur des „Förster vom Silberwald“, von Groschen-Heften und vom „Rosen-Resli“. Stattdessen brach die Zeit der Liedermacher an, von Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp und Hannes Wader, die Zeit der Rockgruppen von Udo Lindenberg bis Floh de Cologne. Burg Waldeck ebenso wie das Schulungszentrum der SDAJ Burg Wahrberg im Fränkischen wurden auch zu Zentren neuer Jugendkultur und –bewegung. Wohngemeinschaften waren für viele die menschlichere Form des Zusammenlebens, und freie Sexualität dominierte über die öffentliche Aufforderung zu Enthaltsamkeit und Prüderie. Die großen Jugendfestivals der SDAJ in Dortmund schafften ein neues Verständnis eines gewaltfreien Zusammenlebens. Unsere Partnerinnen und Partner waren Miriam Makeba aus Südafrika, der Oktoberklub aus der DDR, der moderne russische Rock, Joan Baez und Harry Belafonte in den USA. Links war modern, vermochte es aber nicht, ihre demokratische Modernität nachhaltig in der Gesellschaft zu verankern.

Es gilt auch heute noch: wir wollen enteignen und über Enteignungen die gesellschaftliche Situation verändern. Die Eigentumsfragen sind immer noch Grundfragen der Bewegungen. Aber wir wollen nicht, dass uns unsere eigene Geschichte enteignet wird. Unsere Geschichte ist immer eine Geschichte der Vielen. Unsere Geschichte ist auch ein Geschichte als Teil der Friedensbewegung, zu der in ihren besten Zeiten auch mehrere Hundert Bundeswehrsoldaten gehörten. Und manch eine große Friedensdemonstration bekam durch einen Block Demokratischer  Soldaten eine sehr spezielle Ausprägung. Chef des Militärischen Abschirmdienstes in jener Zeit, in der Soldaten auch gegen ihre Entlassung aus der Bundeswehr geklagt hatten, war übrigens Flottenadmiral Elmar Schmähling, der sich heute selbst als Teil der Friedenbewegung versteht. Große Beiträge hat die SDAJ in der Zusammenarbeit mit anderen demokratische Jugendverbänden geleistet, für deutsch-deutsche Jugendbeziehungen auf der einen Seite die SDAJ, auf der anderen die FDJ, für gute Beziehung zu Russland mit dem Komsomol und als Teil der weltweiten Festivalbewegung. Die SDAJ war Mitglied im Weltbund der demokratischen Jugend, ebenso wie der Marxistische Studentenbund (MSB) Spartakus, der sich nach uns in der BRD bildete und Mitglied im Internationalen Studenten-Bund war.

Die SDAJ war zuhause in Lehrwerkstätten und Schulen, arbeitete zusammen mit dem Studierendenverband MSB Spartakus, die SDAJ war Teil von großen Demonstrationen, die die Notstandsgesetze und gegen die Raketenstationierungen im Westen Deutschlands. Die Mitglieder der SDAJ waren befreundet mit Gleichgesinnten in Paris, Rom und Athen, in Chile und Havanna ebenso wie in Berlin (Ost) und Moskau.