Abschied

von Amos Oz und Annelies Laschitza
15.01.2019
Wolfgang Gehrcke

Im Dezember starben in Deutschland Annelies Laschitza (6.2.1934 - 10.12.2018) und in Israel Amos Oz (4.5.1939 - 28.12.2018). Mit beiden war ich menschlich und in der Politik sehr eng verbunden. Von Annelies Laschitza habe ich den erweiterten Zugang zu Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gefunden. Ihre Biographien zu Rosa und der Familie Liebknecht gehören zu den Besten, was die deutsche politische Literatur hervorgebracht hat. Die Meldung, dass Annelies Laschitza von uns gegangen ist, hat mich sehr betrübt und betroffen, auch deshalb, weil ich keinen sehe, der oder die an ihre Stelle treten kann.

Aus Israel kam die furchtbare Nachricht, dass der Schriftsteller Amos Oz gestorben ist. Ich erinnere mich, wir uns, zusammen mit meinem Genossen Harri Grünberg, am Stadtrand in Tel Aviv in einem Café getroffen haben. Zu uns gesellte sich unser Genosse Yossi Ben Bassat, ein streitbarer Linker in Israel. Das wurde ein großes Erlebnis unserer damaligen Israel-Reise.

Amos Oz hatte erkennbar wenig Interesse, deutsche Linke zu treffen, weil sie sich aus seiner Sicht nicht konsequent genug für einen gerechten Frieden im Nahen Osten einsetzten. An Abgeordneten aus Deutschland war er ebenfalls nicht besonders interessiert. Amos Oz lebte in der Negev-Wüste, wo ihm die klare Luft wichtiger war, als das politische Gebräu in Tel Aviv. Nach einer Weile im Gespräch wurde es leichter sich anzunähern und gegenseitig in der jeweiligen Eigenart zu akzeptieren. Amos Oz erzählte von seiner Arbeit an seinem neuen Buch mit dem programmatischen Titel „Judas“. Ich habe es mittlerweile mehrmals gelesen. Dieser Roman hat mir geholfen, den Konflikt in Israel und Palästina zu verstehen. Überhaut meine ich, dass Amos Oz längst den Literaturnobelpreis verdient hätte. Aus einem als kurz geplanten Treffen wurde eine wunderbare Begegnung. Amos Oz in Bademantel und Filzpantoffeln, aber mit so einer klaren literarisch-politischen Haltung, dass wir beflügelt und begeistert waren.

Wenn ich mir jetzt die Frage stelle, wie können Linke Annelies Laschitza und Amos Oz ehren – dann, denke ich, am besten dadurch, dass wir ihre Werke lesen. Ich werde nochmal und mit Trauer in dem Buch „Judas“ blättern und Annelies Laschitzas Luxemburg-Biografie lesen.

Wolfgang Gehrcke