Gibt es linken Antisemitismus?

11.02.2010
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Wolfgang Gehrcke/Jutta von Freyberg/Harri Grünberg: Die deutsche Linke, der Zionismus und der Nahostkonflikt. PapyRossa Verlag, Köln 2009. 270 S., br., 16,90 €.
Preis: 39,99 €

Israel, der Nahostkonflikt und wir – Wolfgang Gehrcke fordert begriffliche Klarheit


http://www.neues-deutschland.de/artikel/164868.gibt-es-linken-antisemitismus.html

Der sperrige Titel, den die Autoren gewählt haben, lässt erahnen, wie schwierig es ihnen selbst erschienen sein mag, schlüssige Erklärungen für das Komplizierte in dieser Dreiecksgeschichte zu finden. Und es ist jüngst nicht leichter geworden zu beantworten, wofür die deutsche Linke steht. Das gilt auch hinsichtlich ihres Verhältnisses zum Nahostkonflikt, zu Arabern und Israelis, zu Palästinensern und Juden. Das Thema ist beladen von Geschichte und Schuld, deutscher Schuld. Das produziert – zurecht – größere Sensibilitäten als auf anderen Feldern, aber auch Missverständnisse. Gelegentlich werden diese auch wider besseres Wissen herbeigeführt.

Wolfgang Gehrcke, der Autor des vorliegenden Buchs, wird sich gewiss daran erinnern, dass ihm vor ein paar Jahren der Vorschlag, von Israel nicht goutierte Palästinenser zu einem Nahostkolloquium seiner Partei nach Berlin einzuladen, als israelfeindlich bis antisemitisch missgedeutet wurde, selbst in den eigenen Reihen. Vielleicht auch deshalb haben der außenpolitische Sprecher der LINKEN im Deutschen Bundestag und seine beiden Koautoren und Bundestags-Mitarbeiter Jutta von Freyberg und Harri Grünberg offenbar den Wunsch gehabt, für ein bisschen Aufklärung zu sorgen. Sie nennen ihr Werk im Untertitel bescheiden eine notwendige Debatte. Sie tun das zunächst, um Begrifflichkeiten zu klären.

Die Autoren steigen dafür tief in die Geschichte; gehen auf Geschehnisse ein, die für das Verständnis heutiger Vorgänge in und um Israel und den europäischen Anteil dabei unerlässlich sind wie Sykes-Picot-Abkommen, Balfour-Deklaration bis hin zum Leningrader Ärzteprozess, wobei die arabische Sicht auf diese Dinge etwas unterbelichtet bleibt.

Vielleicht ist es ein gutes Prinzip des Buches, bisherige Gewissheiten auf dieser wie auf jener Seite in Frage zu stellen. Ein Beispiel ist die heute glorifizierte Israel-Politik der frühen BRD, gerade wieder ins Gedächtnis gerufen durch die kürzliche »gemeinsame Kabinettssitzung Deutschland - Israel« in Berlin, bei der sich die Bundesregierung nach eigenen Worten in der Kontinuität der »Wiedergutmachungspolitik« der Adenauer-Zeit sieht. Was war daran wie gut?

Gehrcke und Koautoren zitieren dafür Eike Geisel und Mario Offenberg. Die Verurteilung des Antisemitismus, so die beiden deutsch-israelischen Publizisten, habe Konrad Adenauer mit der »Reduktion der faschistischen Terrorherrschaft auf die Vernichtung der Juden« verknüpft und damit »gleichzeitig alle anderen Verbrechen des Faschismus aus dem Bewusstsein« eliminiert. Durch bundesdeutsche »Wiedergutmachungszahlungen« seit den 50er Jahren an den Staat Israel sei Bonn für diesen »koscher« geworden.

Auch eine der im Zusammenhang mit dem Buchgegenstand am meisten diskutierten Fragen nehmen die Autoren ins Blickfeld. Was hat Kritik an Israel bzw. am Zionismus mit Antisemitismus zu tun? Die Gleichsetzung dessen und der entsprechende Vorwurf an Linke damals und heute erfährt von Geisel/Offenberg scharfe Zurückweisung: Der westdeutschen Elite der 60er Jahre, so die Publizisten, habe die Formel »Antizionismus = Antisemitismus« gut ins Konzept gepasst. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer »Metamorphose vom »Judenvernichter zum Philosemiten« und gehen in ihrer Abrechnung noch weiter. »Nach einer enormen Anleihe für Israel«, heißt es bei Geisel/Offenberg, »erklärt David Ben-Gurion (bis 1963 israelischer Premierminister - R. E.) das Adenauer-Globke-Regime für ›nazirein‹.«

Die Buchautoren arbeiten sehr viel mit Zitaten, lassen diese für sich sprechen und nehmen sich entsprechend zurück. Da, wo sie Literatur in ausreichender Menge zu ihren Themen vorfinden, ist dies sicher akzeptabel. Wo die Quellen spärlicher vorhanden sind, wäre Ergänzendes wünschenswert gewesen, etwa die eigene Befragung von Zeitzeugen, zumal sich viele davon nicht weit weg vom Bundestag finden lassen. Zum Beispiel zum Thema »DDR und Antisemitismus«.

Die Quintessenz der dazu angebotenen Aussagen lautet etwa »Ja, ein bisschen gab es das in der DDR«, wobei man allerdings den Eindruck hat, dass die Autoren dies eigentlich gar nicht sagen wollen. Nur lassen ihre Quellen und deren Gewichtung im Buch diesen subjektiven Schluss eben zu. Es ist zugegebenermaßen in der gebotenen Kürze nicht leicht, hier zu einer wirklich »gerechten« Beurteilung zu kommen die – auch das muss eingeräumt werden – wohl nur extrem subjektiv ausfallen kann. Mir jedenfalls scheint das hohe Gewicht, das bei der Beurteilung der DDR der Reparationsfrage beigemessen wird, die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht gut widerzuspiegeln.

Das wäre aber wichtig. Weil es heute von Jüngeren oder westlich der Elbe Geborenen Fragen gibt wie: Stimmt es, dass der Holocaust in der DDR kein Schulstoff war? Und in Antworten, die man gemeinhin darauf im Fernsehen hören oder in Zeitungen lesen kann, gibt es selten ein klares »selbstverständlich nicht«, abgesehen davon, dass der Begriff Holocaust nicht gebräuchlich war. Aus eigener Erfahrung darf ich hinzufügen, dass in meiner Thüringer Polytechnischen Oberschule nicht nur der Massenmord an den Juden, sondern zum Beispiel auch das grauenhafte Gebaren der Mörder und deren Verteidiger im Frankfurter Auschwitz-Prozess ausführlich besprochen wurde. Man hätte dazu übrigens auch bei dem Oberrabbinersohn Albert Norden, jahrzehntelanges Politbüromitglied der SED, nachlesen können.

Den Autoren bleiben mit ihrer Schrift aber andere Verdienste. So setzen sie sich mit Kritik an Befreiungsbewegungen auseinander, denen auch aus der linken Ecke Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Brisant, weil aktuell und deshalb besonders lesenswert wird es am Ende im wohl auch so gemeinten Fazit des Buches, wo sich Gehrcke mit auch gegen ihn als LINKE-Außenpolitiker erhobenen Antisemitismusvorwürfen auseinandersetzt.

Auch hier tut er dies zurückhaltend. Viele Argumente überlasst er Historikern, die in der Kritik an der ihrer Meinung nach ungerechtfertigter Schonung Israels hierzulande tief in die Kiste der Wortgewalt greifen wie Micha Brumlik (»neudeutscher Verantwortungsimperialismus«) oder Moshe Zuckermann (»überspannte Israel-Solidarität durch gutwillige Ignoranten und Gesinnungsschmarotzer«).