Georg Büchner und Karl Marx: Geistes- und Seelenverwandte

13.11.2013

Als der Hessische Landbote 1834 erschien, war Karl Marx 16 Jahre alt. Ich weiß nicht, ob er ihn damals oder später oder überhaupt gelesen hat. Aber deutlich ist eine Geistes- und Seelenverwandtschaft von Marx und Büchner – und die geht manchmal bis in sprachliche Bilder. Dafür ein Beispiel:

Büchners Losung von Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ hat der junge Karl Marx 1844 in der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie aufgegriffen; daraus stammen im folgenden die Marx-Zitate. In diesem wortgewandten Plädoyer für die Revolution kritisierte Marx die geistlosen Zustände in den rückständigen, feudalen und zersplitterten deutschen Gebieten. In den sich rasch wandelnden Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen sah er Keime der politischen und sozialen Revolution, vor denen „Deutschtümler von Blut“ die Augen verschlössen und „unsere Geschichte der Freiheit“ lieber „in den teutonischen Urwäldern“ suchten. „Wodurch unterscheidet sich aber unsere Freiheitsgeschichte von der Freiheitsgeschichte des Ebers, wenn sie nur in den Wäldern zu finden ist?“, fragt Marx. Und weiter: “Zudem ist bekannt: Wie man hineinschreit in den Wald, schallt es heraus aus dem Wald. Also Friede den teutonischen Urwäldern! Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehn unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik, aber sie bleiben ein Gegenstand der Kritik, wie der Verbrecher, der unter dem Niveau der Humanität steht, ein Gegenstand des Scharfrichters bleibt.“ Die deutsche Revolution scheiterte 1848/49. Karl Marx musste – wie Georg Büchner vor ihm – ins Exil gehen.

Für beide, Büchner und Marx, ist in ihrer Gesellschaftskritik die Religion ein wichtiger Bezugspunkt; sie nutzen ihn nur in unterschiedlicher Weise. Suchte Georg Büchner im Landboten noch die hessische Landbevölkerung mit Anleihen aus Religion und Bibel für den Umsturz bzw. dafür zu gewinnen, die himmlischen Heilsversprechen auf der Erde einzufordern, verwandelt Marx die „Kritik des Himmels ... in die Kritik der Erde“. Ihm ist das „religiöse Elend ... in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ Marx kommt zu dem Ergebnis: Nicht die Religion schafft den Menschen, der Mensch macht vielmehr die Religion. Deshalb muss er die sozialen Verhältnisse auf Erden nicht als gottgegeben hinnehmen, sondern ist aufgerufen, sie zu verändern zu einer allgemeinen menschlichen Emanzipation. Welch großartige Erkenntnis, wenn wir bedenken, wie religiöser Fanatismus, gleich welcher Religion, wieder an Bedeutung gewinnt und als Begründungsmuster für Kriege und Konflikte herhalten muss, deren eigentliche Wurzeln verschleiert werden.

Endlich ist beiden, Büchner und Marx, die Leidenschaft und Sprachgewalt eigen, mit der sie die herrschenden Zustände analysieren und angreifen. Dabei ist ihr Ausgangspunkt und Maßstab nicht eine beliebiges Gesellschaftsmodell, und sei es ein besseres, sondern ... der Mensch! In Büchners Dramen ist das offensichtlich. Doch bei Marx, dem Theoretiker? Auch „die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift“ schreibt er. Dazu ist sie fähig, „sobald sie ad hominem (am Menschen – W.G.) demonstriert“ und das tut sie, „sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst“. Und dann folgt die grandiose Vision, für die auch Büchner in seinem kurzen Leben so viel getan hat: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist...“.

Krieg der Paläste gegen die Hütten

„Friede den Hütten - Krieg den Palästen“, diese Losung des Landboten ist in unseren Tagen von brutaler Aktualität. Heute haben wenige Superreiche nicht der Armut den Kampf angesagt, sondern den Armen. Die (Bank-)Paläste führen Krieg gegen die Hütten. Der US-amerikanische Unternehmer Warren Buffet hat die Dinge beim Namen genannt, als er sagte: „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen." Das wird sich noch zeigen. Zunächst hat der „Klassenkrieg“ die soziale Frage mit neuer Brachialgewalt aufgeworfen – mit fatalen Folgen. Auf der Jagd nach Profit verwandelt der globale Kapitalismus alles in Waren: Luftverschmutzung, die als „Recht“ definiert zum Handelsgut wird, Wasser, das privatisiert wird, auf das Menschen dann kein Recht mehr haben, zur Ware werden Körper als Ganzes etwa in der Leihmutterschaft, in Teilen wie Nieren, oder Kleinstteilen wie Genen. Spekuliert wird nicht zuletzt mit Nahrungsmitteln. Rund 85 Prozent aller gehandelten Grundnahrungsmittel, es sind überwiegend Getreide, Mais und Reis, werden von zehn transnationalen Gesellschaften kontrolliert mit dem Ziel, sie höchst profitabel zu verwerten. Diese Konzerne beherrschen Saatgut und Düngemittel, die Silos zur Lagerung, den Transport, die Preisbildung an den Börsen. Zunehmend nehmen sie auch den Landbesitz unter ihre Kontrolle. „Diese Akteure entscheiden jeden Tag, wer isst und lebt oder wer hungert und stirbt“, so Jean Ziegler, ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Die Spekulation mit Lebensmitteln treibt die Preise hoch. Mit dem Profit in den Palästen wächst der Hunger in den Hütten, um im Bild Büchners zu bleiben. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, 57 000 Menschen jeden Tag. Diesem Krieg der Paläste sagen wir den Kampf an. Dazu gehört Aufklärung, die Büchner im Landboten oder Marx in der Hegelschen Rechtsphilosophie betrieben haben: „Man muss den wirklichen Druck noch drückender machen, indem man ihm das Bewußtsein des Drucks hinzufügt, die Schmach noch schmachvoller, indem man sie publiziert ... man muss diese versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zwingen, indem man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt.“

Georg Büchner lebte in Zeiten des Übergangs, einer Periode zwischen Hoffnung und Scheitern, zwischen bürgerlicher und sozialer Revolution. In Deutschland heute scheint sich der globale Finanzmarktkapitalismus im neoliberalen Gewand stabilisiert zu haben. Doch die Krise ist im Kapitalismus keine Ausnahme. Der Kapitalismus trägt nicht nur den Krieg, sondern auch die Krise in sich wie die Wolke den Regen. Der Widerstand gegen den Krieg der Paläste wächst. Hundertausende, oft sind es junge Menschen, tragen ihren Protest auf die Straßen und Plätze. Rund um unseren Globus widersetzen sie sich dem Terror des Finanzmarktkapitalismus, sie greifen die Macht der großen Bankpaläste an, schreiende soziale Ungerechtigkeit wollen sie nicht länger dulden. Vielleicht treten wir heute - zwanzig Jahre nach dem großen Scheitern des sozialistischen Versuchs - ein in eine neue Epoche tiefgreifender sozialer Auseinandersetzungen. Dazu möchten wir als LINKE beitragen nicht zuletzt, indem wir Georg Büchners gedenken.

(Alle Marx-Zitate stammen aus seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung)