Moskau, meine Liebe

01.02.2012
Printer Friendly, PDF & Email

Ich stehe auf dem Roten Platz. Es ist grausig kalt. Ich möchte gern zum Grabmal von Clara Zetkin an die Kremlmauer. Der Eingang ist gesperrt und Milizionäre passen auf, dass Fotoapparate und Handys abgegeben werden. Ich möchte aber gern ein Foto, das an Clara Zetkin erinnert. Wir verhandeln, es dauert zehn Minuten. Ich erkläre noch einmal mein Anliegen: „Ich möchte gern die deutsche Kommunistin und Antifaschistin Clara Zetkin ehren und würdigen.“ Ich trage das vor und sehe vor meinem geistigen Auge das Bild von Clara Zetkin und Rosa Luxemburg auf dem Wege zu einem Parteitag der Sozialdemokratie. Der Milizionär sagt, „Herzlich willkommen“, wirft schnell noch einen Blick auf meinen Pass. „Kommen Sie, fotografieren Sie, wenn Sie möchten.“ Er bringt uns an die Grabstelle, wartet dezent, und fragt dann: „Sie wollen doch bestimmt auch zum Genossen Lenin?“ Ich hätte mir nie getraut, diesen Wunsch so zu äußern.

Er aber bringt uns in das Mausoleum, nachdem er zu uns gesagt hat, „Verstecken Sie mal den Fotoapparat. Hier darf man keinen mit rein nehmen.“ Was ich ja ganz richtig finde. Später, auf dem Weg zur Metro, freue ich mich über so viel russische Hilfsbereitschaft und Nähe. Mit der Metro fahren wir zum Treffen mit Valentin Falin. Wir haben uns mit ihm verabredet, ich will ihn fragen: Erklär uns mal, was in Russland vor sich geht. Vorher waren wir in der Duma und haben uns mit der Fraktion der Kommunistischen Partei, die bei der letzten Wahl mit 20 Prozent die großen Gewinner waren, und der Fraktion Gerechtes Russland getroffen. Mit den Duma-Abgeordneten habe ich darüber gesprochen, endlich einen Antrag ins Deutsche Parlament einzubringen, das Menschen von Russland nach Deutschland und auch umgekehrt ohne Visa reisen dürfen. In Europa scheitert das immer noch an einer Blockade Deutschlands.

Wir - Vertreter der deutschen Botschaft in Moskau, Tiina Fahrni von der Rosa Luxemburg Stiftung, Johanna Bussemer und ich - treffen uns mit Valentin Falin in einem Café in Moskau. Ich kenne ihn seit langer Zeit. Wir sitzen nebeneinander und nach fünf Minuten ist es so, als wären wir gerade erst vor wenigen Tagen von einem Gespräch aufgestanden – zuletzt hatte ich ihn vor einigen Jahren getroffen. Sehr eng zusammen gearbeitet hatten wir, als Valentin Falin sowjetischer Botschafter in der Bonner Republik war, in der Zeit, da er als Internationaler Sekretär der KPdSU tätig war und danach in den Zeiten der Umbrüche hier wie da. Falin ist für mich der russische Deutschland-Experte und der Historiker auch der kommunistischen Bewegung. Er ist älter geworden, aber er hat nichts von der geistigen Frische verloren, nicht die Kraft der Argumente, die ihn schon immer auszeichnete. Die Stunde, die für dieses Gespräch verabredet war, fliegt vorbei … Falin ist Linker geblieben, mit einer geistigen Weitsicht, die ich mir nur wünschen kann.

Im russischen Außenministerium diskutiere ich im Europa-Departement über die Visa-Frage und im Nahost-Departement über Syrien, Iran, die russische Politik im Weltsicherheitsrat und eine mögliche Nahost-Konferenz. Russland, so die ganz klare Aussage, wird nie einer Intervention in Syrien zustimmen. Die Regierung des Präsidenten Assad muss begreifen, dass die Gewalt, das Blutvergießen beendet werden muss. Diese Forderung richtet sich zuerst an die Regierung Syriens, aber auch die syrischen Aufständischen sollten militärische Aktionen einstellen. Es muss bindende und kontrollierbare Zusagen der Machthaber in Syrien zu wirklich demokratischen Reformen geben. Das steht bis heute aus. Russland bietet Vermittlung im Konflikt an, damit ein Bürgerkrieg verhindert werden kann.

Es ist kalt in Moskau, sehr kalt. Vieles hat sich verändert, grelle Reklame und Kitsch überlagern „mein Moskau“. Ich nehme mir vor, heute Abend als Bettlektüre noch einmal in dem Kriminalroman von Doris Gercke zu lesen, „Moskau, meine Liebe“. Den Roman kann ich nur weiterempfehlen.