Die Wiedergeburt des chilenischen Sozialismus

09.12.2012

9. Dezember 2012 – Reisetagebuch Santiago de Chile

Im Nationalstadion von Santiago de Chile treffen sich am Abend des 8. Dezember zum Abschluss der Aktionen anlässlich des Gründungsjubiläums der Kommunistischen Partei Chiles mehr als 60.000 Menschen, sehr viele junge Leute sind hier. Ein großes Konzert chilenischer und lateinamerikanischer Künstlerinnen und Künstler begeistert die Anwesenden. Das Konzert ist Victor Jara gewidmet, eröffnet wird es mit dem Auftritt von Silvio Rodriguez, dessen Texte hier alle auswendig können. Die chilenische linke Bewegung war immer auch eine Kulturbewegung und sie ist wieder auf dem Wege dahin.

Wir, die ausländischen Genossinnen und Genossen, hatten das Nationalstadion durch jenen Eingang betreten, der in den Tagen nach dem 11. September 1973 der Hauptzugang in das Konzentrationslager Estadio Nacional war. Über 20.000 Menschen sind hier gefangen gehalten worden, wurden gefoltert und viele sind ermordet worden. Noch immer kämpft die 'Bewegung gegen das Vergessen' für eine würdige Stätte der Erinnerung. In einem kleinen, abgetrennten Teil im Stadion sind die alten Holzbänke, die mir von so vielen Fotos bekannt sind, stehen geblieben. Wir dürfen für einen Moment Platz nehmen und gedenken derer, die vor fast vierzig Jahren auf diesen Plätzen saßen. Später am Abend werden von diesen Plätzen Kerzen in das Stadion leuchten.

Es ist fast Mitternacht, als 'Inti Illimani' die Bühne betreten; sie sind alle dabei, die ältesten und die jüngsten Mitglieder der in der ganzen Welt bekannten Gruppe. Die „Intis“ stimmen Venceremos an und das ganze Stadion singt mit. Viele, auch ich, kämpfen mit den Tränen. In diesem Stadion erklingt nach vier Jahrzehnten wieder dieses Lied und Sprechchöre feiern und fordern 'Pueblo unido', das vereinte Volk, das siegen wird. Tränen der Freude und der Solidarität haben die Schande dieses Ortes abgewaschen. Victor Jara war stärker als seine Peiniger und Mörder und das vereinte Volk wird siegen!

Irgendwann nach 1 Uhr ergreift Guillermo Tellier, Abgeordneter und Vorsitzender der KP Chiles, das Wort. Er spricht vom neuen Chile und dass die Studierendenbewegung diesem neuen Chile Bahn gebrochen hat. Die Angst ist abgefallen. Die Wiedergeburt des chilenischen Sozialismus ist weltweit begleitet worden. Und alle gemeinsam, es ist inzwischen 2 Uhr am Morgen, singen wir „die Internationale erkämpft das Menschenrecht“!