"Kein Verbrechen, zu dem der Kapitalismus nicht fähig ist"

11.09.2013

Gespräch mit Mischa Aschomeit in der jungen Welt vom 9. September 2013. Mischa Aschmoneit vertritt die antikapitalistische Gruppe »see red! Interventionistische Linke Düsseldorf« im Vorbereitungs­komitee der Chile-Demonstration, die am 11. September 2013 in der NRW-Landeshauptstadt stattfinden soll.

Am 11. September 1973 kam es in Chile zu einem blutigen Putsch gegen die sozialistische Regierung des demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende. Genau 40 Jahre nach Ausschaltung der sozialistischen Regierung rufen Sie für Mittwoch zu einer Kundgebung vor dem US-Konsulat in Düsseldorf auf. Mit welchem Ziel?

Der Putsch in Chile war nicht nur das Ende des sozialistischen Aufbruchs in Chile, er hatte auch Auswirkungen in allen Teilen der Welt, nehmen Sie nur die gesteigerte Bereitschaft der Kommunistischen Partei Italiens zum »historischen Kompromiß« mit den Christdemokraten. Zugleich war er der Beginn der weltweiten Durchsetzung der neoliberalen Entwicklungsvariante des Kapitalismus, dessen Auswirkungen wir in Form von Hartz IV hier und Troika-Diktat gegen Länder wie Griechenland erleben. Wir möchten mit unserer Veranstaltungsreihe und der Demonstration sowohl der Opfer der chilenischen Diktatur gedenken als auch auf die eben genannten Zusammenhänge hinweisen. Und wir zeigen uns solidarisch mit den aktuellen Kämpfen gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg – in Chile, weltweit und hier im Land.

Fürchten Sie, daß sich das damalige Vorgehen von US-Regierung und deren Geheimdiensten auch heutzutage wiederholen könnte?

Ja, es gibt kein Verbrechen, zu dem der Kapitalismus nicht fähig wäre. Die venezuelanische Linksregierung beispielsweise ist dauernd bedroht, denken Sie nur an die im Juli bekanntgewordenen Putschpläne und die Stationierung von Kampfflugzeugen in Kolumbien. Das Gleiche würde für eine Linksregierung in Griechenland gelten, wenn sie nicht nur Sprüche klopft, sondern die Kapitalinteressen gefährdet. Daraus resultiert zweierlei: Erstens die Notwendigkeit, die revolutionären Prozesse in den jeweiligen Ländern nicht nur politisch, sondern auch militärisch abzusichern und zweitens die unbedingte Verpflichtung der in den imperialistischen Ländern wirkenden Linken zur Solidarität mit den revolutionären Bewegungen in den vom Imperialismus angegriffenen Ländern.

Auch die BRD hat sich damals massiv an der Hetze gegen diechilenischen Sozialisten beteiligt und den faschistischen Putsch, im Rahmen dessen Zehntausende von Allende-Anhängern ermordet und gefoltert wurden, begrüßt. Wie verhielt sich die DDR?

Die DDR hatte bereits vor dem Putsch ein intensives Verhältnis zu den verschiedenen Sektoren der chilenischen Linken gepflegt. Nach dem Putsch gingen etwa 5 000 Chilenen ins Exil in die DDR, sie wurde dadurch ein Zentrum des chilenischen Widerstandes gegen die Pinochet-Diktatur. Die Solidarität mit den chilenischen Genossen war nicht nur offizielle Staatsdoktrin, sondern massenhaft in der Bevölkerung verankert. Mag es auch Kritik im Detail geben – dieChile-Solidarität der DDR war beispielhaft.

Die von Ihnen geplanten Proteste scheinen nur die »üblichen Verdächtigen« anzusprechen. Ist die deutsche Linke so geschichtslos, wie sie zunehmend den Eindruck macht?

Die deutsche Linke ist klein und heterogen. Viele Menschen, die in den 70er und 80er Jahren politisch aktiv waren – auch in der Chile-Solidarität – haben sich heute angepaßt oder sind resigniert. Von denen, die danach aktiv geworden sind, kennen viele die Geschichte der Kämpfe im eigenen Land respektive die in anderen Ländern kaum oder gar nicht. Das ist schlecht, da haben Sie recht. Unsere Veranstaltungsreihe und die Demonstration bemüht sich, dem entgegenzusteuern. Für meine Gruppe ist das wichtig, wir machen nicht nur lokale Basisarbeit beispielsweise im Mietenbündnis und beteiligen uns an Massenaktionen wie Blockupy, sondern wir arbeiten kontinuierlich auch im Bereich Antimilitarismus und Internationalismus. Und in all diesen Bereichen hilft uns der Blick in die Geschichte der früheren Kämpfe für die heutigen und kommenden Kämpfe.

Interview: Markus Bernhardt
http://www.jungewelt.de/2013/09-09/031.php?sstr=chile