US-Rüstungsforschung auch an Marburger Uni

04.12.2013

Aus den Kassen des Pentagons flossen in den vergangenen Jahren rund 10 Millionen Euro an über 20 deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen. An der Universität Marburg etwa erforschten Wissenschaftler/innen die nächtliche Orientierung von Wüstenheuschrecken. Das scheinbar harmlose Thema hat es in sich. Die US-Luftwaffe erwartete gemäß Auftragsvereinbarung handfeste Erkenntnisse für die Verbesserung von Drohnen und „präzisionsgelenkter Munition“. Unipräsidentin Prof. Katharina Krause distanzierte sich in der Öffentlichkeit deutlich von dem Forschungsauftrag des Pentagons. Die Fraktion Marburger Linke in der Stadtverordnetenversammlung hat die Einführung einer Zivilklause, die Rüstungsforschung an der Uni untersagt, eingebacht, um friedensbewegte Kräfte an der Universität zu stärken und die Debatte in die Stadt zu tragen.


LINKE-Fraktion: Stadtparlament soll Zuarbeit zu Killerdrohnen ablehnen

Aus den Kassen des Pentagons flossen in den vergangenen Jahren rund 10 Millionen Euro an über 20 deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Der Norddeutsche Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung brachten die skandalöse Forschungspraxis ans Tageslicht. Während sich einige der geförderten Vorhaben in einem schwer fassbaren Bereich zwischen ziviler und militärischer Nutzung bewegten, standen bei anderen Projekten eindeutig militärische Forschungsinteressen im Vordergrund. An der Universität Marburg etwa erforschten Wissenschaftler/innen die nächtliche Orientierung von Wüstenheuschrecken. Das scheinbar harmlose Thema hat es in sich. Die US-Luftwaffe erwartete gemäß Auftragsvereinbarung handfeste Erkenntnisse für die Verbesserung von Drohnen und „präzisionsgelenkter Munition“.

Der Marburger Projektleiter, Prof. Uwe Homberg (Biologie), scheint sich über die tödlichen Folgen seines Forschungsthemas keine großen Gedanken zu machen. In der Lokalzeitung Oberhessische Presse war zu lesen, dass er die Debatte um die militärische Verwendung seiner Forschung nicht verstehen kann. Seiner Meinung nach würde es sich um Grundlagenforschung handeln, die kaum militärisch verwertbar sei. Andere Wissenschaftler/innen führen die Freiheit von Forschung und Lehre ins Feld, um universitäre Rüstungsforschung zu legitimieren. Einen weiteren Faktor, den Homberg benennt, bildet die zunehmende Abhängigkeit der Hochschulen von Drittmitteln, forciert durch die grundlegende Unterfinanzierung von Wissenschaft, Lehre und Forschung. Für die Strategen in den militärischen Schaltzentralen jedenfalls ist die Förderung von Rüstungsforschung ein elementarer Baustein, um im globalen Wettbewerb um die Fähigkeit zur weltweiten Kriegsführung die eigene Stellung weiter auszubauen. Und für die Opfer von mörderischen Drohnenangriffen bleibt es letztlich in beklemmender Weise unerheblich, ob der militärische Gehalt von Forschung fahrlässig übersehen, absichtlich ignoriert oder gar bewusst gefördert wurde.

An der Marburger Universität wird nun eine notwendige Debatte beginnen. Unipräsidentin Prof. Katharina Krause distanzierte sich in der Öffentlichkeit deutlich von dem Forschungsauftrag des Pentagons. Die Einführung einer Zivilklausel fordert der Leiter des ansässigen Zentrums für Friedens- und Konfliktforschung Dr. Johannes M. Becker, um Rüstungsforschung von der Hochschule fernzuhalten und Lehre und Forschung in den Dienst für den Frieden zu stellen. Die Fraktion Marburger Linke in der Stadtverordnetenversammlung brachte einen entsprechenden Antrag ein, um friedensbewegte Kräfte an der Universität zu stärken und die Debatte in die Stadt zu tragen. Spätestens im Januar werden die Marburger Stadtverordneten über die Frage diskutieren, ob das Parlament an die Universität Marburg appelliert, sich im Sinne von Frieden und Abrüstung zu verpflichten, ausschließlich Forschung zu zivilen und friedlichen Zwecken zu betreiben. In der Vergangenheit hatte sich das Stadtparlament wiederholt zu Frieden und Völkerverständigung bekannt.

Das US-Militär setzt unbemannte Luftfahrzeuge, sog. Drohnen, in ihrem blutigen „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan und Pakistan ein. Kampfdrohnen sind Killermaschinen. Mit ihrer Hilfe werden Menschen gezielt getötet, ohne Anlage, Verfahren und Urteil. Der Tod von unschuldigen Zivilisten wird von den Verantwortlichen billigend in Kauf genommen. Laut Spiegel starben von 2004 bis 2011 rund 2400 Menschen bei über 300 Drohnenangriffen, darunter 400 Zivilisten. Drohnen senken die Schwelle für militärische Aggressionen und setzen eine Rüstungsspirale in Gang. Das deutsche Kriegsministerium versenkte fast eine halbe Milliarde Euro mit ihrem „Eurohawk-Projekt“. Welch spürbaren Beitrag zum Kampf gegen Hunger, Armut und Unterentwicklung hätte man mit diesen Mitteln leisten können. Die Friedensbewegung fordert folgerichtig eine internationale Ächtung von Kampfdrohnen.

Jan Schalauske, Stadtverordneter Marburger Linke