Reisetagebuch – Santiago de Chile im Dezember 2012

11.09.2013

Wolfgang Gehrcke reiste im Dezember 2012 als Teil einer Delegation zum Internationalen Kongress anlässlich des 100. Jahrestages der Gründung der Kommunistischen Partei Chiles.

 

4. Dezember 2012: Mein Herz schlägt links und heftig.

Eingecheckt. Abflug Frankfurt/Main um 19.30 Uhr nach Santiago de Chile.

Ich bin eingeladen zum Internationalen Kongress anlässlich des 100. Jahrestages der Gründung der Kommunistischen Partei Chiles. Ich freue mich wahnsinnig und vieles geht mir kreuz und quer durch den Kopf. Erinnerungen kommen: Die Großartigkeit und die Konsequenz, die Gründlichkeit der Bündnispolitik Salvador Allendes. Kaum einer dürfte die Theorie von Antonio Gramsci so gut begriffen haben wie er. Das Bild von Salvador Allende mit Stahlhelm und Maschinenpistole vor der Moneda ist unvergessen. Die Musik von Victor Jara und der Canto General Pablo Nerudas, die aufrüttelnde Poesie hat die Mörder überlebt. Die Schlächter der Demokratie in Chile sind der Verachtung preisgegeben und auch ihre deutschen Freunde, wie Franz Joseph Strauß, der in Chile tönte, dass es etwas anderes sei, wenn Militärs die Macht übernähmen, als wenn Franziskaner Suppe ausschenken.

Ich denke an Gladys Marin, Vorsitzende der Kommunistischen Jugend und später Parteivorsitzende der KP Chiles, die ich 1974 in Amsterdam in Empfang nehmen konnte und mit der ich viele Solidaritätsveranstaltungen für den Kampf des chilenischen Volkes gestalten konnte. Oder Luis Corvalán, der im Dezember 1976 nach Jahren der Haft und Folter frei gekämpft wurde und 1978 auf dem Dortmunder Festival der Jugend Zehntausende junger Menschen begeisterte. Der Oktoberklub aus der DDR machte damals spontan auf eine populäre Melodie – Was wollen wir trinken? Bots, auch von Diether Dehm mit einem deutschen Text versehen - einen neuen Text:

Was wollen wir trinken? Dieser Kampf war lang. Was wollen wir trinken auf diesen Sieg? Am Roten Platz steht Corvalán, auf unsere Sache stößt er mit uns an. Wir trinken auf Luis Corvalán!

Auf also, ich stoße auf euch alle an – in den kommenden Tagen in Chile.

Festival der Jugend in Dortmund 1978 - Luis Corvalán neben dem DKP-Vorsitzenden Herbert Mies. Am rechten Bildrand ich als SDAJ-Vorsitzender in sportlichem Blouson. (Und ganz verschmitzt, etwas im Hintergrund, Peter Wahl, damals AntiimperialistischesInformationsBulletin.)

 

5. Dezember 2012: Auch die Sonne überdeckt soziale Konflikte nicht

Sommer in Chile, gefühlte 30 Grad Celsius, Blütenpracht in Farben, wie man sie in Europa kaum zu sehen bekommt. Alles sieht sehr friedlich aus hier in Santiago. Doch unter dem Pflaster liegt der Strand, ihr wisst das ja. Auch die Sonne überdeckt soziale Konflikte nicht. Wir besuchen unmittelbar nach unserer Ankunft das Büro der Kommunistischen Partei. Sehr einfache Räume, ein Bild von Allende – der nie Mitglied der Kommunistischen Partei war -, ein Wandgemälde, auf dem man unschwer Gladys Marin und Luis Corvalán erkennen kann.

Wir, das sind Kathrin Buhl von der Luxemburg-Stiftung (Lateinamerika-Büro), Harald Pätzolt und ich, wurden sehr freundlich begrüßt – irgendwie wie in einer großen Familie, die sich lange nicht gesehen hat. Gesprächsfetzen schwirren durch den Raum und heute Abend wird die Konferenz zum 100. Jahrestag der Gründung der KP Chiles eröffnet. Dabei fällt mir auf: die Partei hier ist ja älter als die kommunistische Bewegung in Deutschland. Die Linke in Lateinamerika rückt näher zusammen, viele Delegierte aus anderen lateinamerikanischen Ländern sind ebenfalls zu Gast. Die Botschaft, Einheit in der Vielfalt zu suchen, scheint Wirklichkeit zu werden. Ich bin sehr gespannt und grüße alle aus Santiago de Chile.

6. Dezember 2012: Sozialismus ist hier kein Unwort

Die Linke Lateinamerikas diskutiert auch hier in Chile über Schlussfolgerungen aus den gesellschaftlichen Veränderungen. Der Wahlsieg von Chavez in Venezuela war ein wichtiges Signal, dass der Linkstrend nicht gebrochen ist. Die Putsche in Honduras und Paraguay, der Sieg der Rechten in Guatemala und ein zunehmender Druck auf die Regierungen in Bolivien und anderen Ländern zeigen aber auch deutlich, dass die politischen Gegner nicht aufgeben und noch immer gehörige Macht besitzen.

Über Inhalte, Formen, Widersprüche und Chancen des Sozialismus wird hier auf der Konferenz diskutiert. Mein Beitrag für heute Abend wird sich um die neuen Herausforderungen der Klassenauseinandersetzung im 21. Jahrhundert drehen, das war der Wunsch der Gastgeber. Die Thesen, die ich mir vorher notiert habe, könnt ihr hier schon einmal nachlesen. An eurer Meinung bin ich natürlich ebenso interessiert.

Sozialismus ist hier kein UnwortDie Nachricht, dass der große brasilianische Architekt Oscar Niemeyer heute Nacht im Alter von 104 Jahren verstorben ist, erreicht uns beim Frühstück. Sein Tod löst überall Betroffenheit aus. Niemeyer war einer der großen Architekten des 20. und 21. Jahrhunderts. Niemeyer in der Architektur und im Denken, Hobsbawm in historischer Forschung und Interpretation – diese Verluste gehen tief und müssen erst einmal verarbeitet werden.

"Der Architekt muss erkennen, dass Menschen wichtig sind. Weil sonst nichts wichtig ist."

7. Dezember 2012: "Partnersuche"

Die Kommunistische Partei Chiles arbeitet an einem neuen Programm. Für dieses Programm sind mit Sicherheit die Arbeiten von Antonio Gramsci und Salvador Allende über die Notwendigkeit, sich in der Zivilgesellschaft zu verankern, von größter Bedeutung. Darüber wird hier auf der Konferenz intensiv debattiert. Einer der zentralen Punkte ist die Notwendigkeit eines sozialen Bündnisses zwischen der Arbeiterklasse und den Mittelschichten. Das war bereits bei Allende ein zentrales Thema. Mir kommt immer wieder der Vorwurf von Ernst Bloch in Erinnerung, „Kampflos habt ihr, Genossen, das Kleinbürgertum dem Faschismus überlassen!“ Nun sind die Mittelschichten, gerade in Lateinamerika, nicht identisch mit dem Kleinbürgertum Europas, aber ohne einen „Einbruch“ in die Mittelschichten sind Wahlen nicht mehr zu gewinnen. Das gilt für El Salvador (dort finden im nächsten Jahr Präsidentschaftswahlen statt) ebenso wie für Venezuela, das gilt für Chile und ganz sicher für zahlreiche andere Länder.

Der Diskurs über die Kooperation verschiedener Klassen und Schichten hat unmittelbar mit der politischen Mobilisierung und den sozialen Grundlagen der Links- bzw. Mitte-Links-Regierungen in Lateinamerika zu tun. Es geht also nicht um eine soziologische Einordnung in unterschiedliche Klassen und Schichten, es geht um soziale Mobilisierungsfähigkeit. Zumindest bei Wahlen setzt das auch eine soziale Vertretungskompetenz voraus – übrigens auch für DIE LINKE in Deutschland. Es ist dringend notwendig, gerade im Kampf gegen Bankenmacht, kleine und mittlere Unternehmer und besonders kreative Mittelschichten zu gewinnen. Das setzt aber auch voraus, dass die breit gefächerten Interessen dieser Schichten ökonomisch, politisch und besonders kulturell ihren Niederschlag in linker Politik, Programmatik und der kulturellen Ansprache finden.

Viel diskutiert wird über kulturelle Verankerung und kulturelle Aspekte bei der Ansprache verschiedenster sozialer Gruppierungen, über den Zusammenhang und die Widersprüche von sozialen Bewegungen und Parteien und die Dialektik von nationaler Verantwortung und Internationalismus. Darüber will ich morgen etwas ausführlicher berichten.

Morgen, zum Abschluss dieser Konferenz, wird es ein großes Konzert im Stadion von Santiago de Chile (Nationalstadion) geben. Mit dabei sind Inti Ilimani, die vielen von euch sicher bekannt sind. Mir läuft ein Schauer über den Rücken, jedesmal wenn ich daran denke. Dieses Stadion der Barbarei und der Wiedergeburt.

8. Dezember 2012: Canto General

Der politisch-theoretische Teil der Konferenz ist abgeschlossen. Viele Fragen, die in und mit einer internationalen Gemeinschaft diskutiert wurden, bewegen auch uns. Über einige werde ich in den nächsten Tagen im Nachgang zu diesem Reisetagebuch sicher noch etwas schreiben. ‚Einheit in der Vielfalt‘ war nicht nur eine zentrale Aussage dieses Treffens, sondern bewegt sehr viele auch in ihrem alltäglichen Leben. Auf dem Schlusspodium sprachen ein Senator der Kommunistischen Partei, ein Vertreter der Radikalsozialisten und ein „Rebell“ aus der Demokratischen Partei. Ihre Aussagen waren eindeutig: Sie wollen eine andere Regierung in Chile, eine Regierung, die mit dem neoliberalen Wirtschafts- und Politiksystem bricht, und, das schälte sich immer mehr als ein Schwerpunkt heraus, sie wollen eine andere Verfassung. Eine Revolution, eine Umgestaltung mit der Verfassung, dieser lateinamerikanische Gedanke ist auch für Europa interessant. Es wird über die Widersprüche von ‚Einheit und Klarheit‘ gesprochen, über Moral und Glaubwürdigkeit und darüber, was heute noch nationalstaatlich möglich ist und was im Alltag bereits weit über die Grenzen des Nationalstaates hinausreicht.

Ich bin das erste Mal in Chile. Bisher kannte ich das Land aus vielen Solidaritätsaktionen, aus der Musik von Victor Jara, Quilapayún, Inti Illimani, aus der Poesie Pablo Nerudas, die die Kraft des Volkes im Canto General wiederspiegelt, aus Gesprächen mit Gladys Marin, Luis Corvalán und vielen chilenischen Freunden, die in Deutschland Asyl gefunden hatten. Heute, vor der großen Abschlussveranstaltung, besuchte ich die Gedenkstätte der Erinnerung im Nationalstadion von Santiago, und in den vergangenen Tagen habe ich mit Vertretern der chilenischen Menschenrechtskommission gesprochen. Für mich ist klar: DIE LINKE wird ihren Antrag in den Bundestag einbringen, wir arbeiten schon seit einiger Zeit daran, und Aufklärung fordern über den Filz der deutschen Politik mit den Verbrechen der Pinochet-Diktatur in Chile. Wir wollen Aufklärung darüber, was die deutsche Regierung wusste, wie tief sie verwoben war in die Geschäfte und Praktiken der Colonia Dignidad und wie beharrlich sie politisch verteidigt hat, dass der kampf gegen den Kommunismus alles rechtfertigt. Wir alle haben Anspruch auf Wahrheit und die chilenischen Menschenrechtler erwarten, dass ihnen endlich auch die deutschen Akten zur Verfügung gestellt werden.

Heute Abend bin ich noch einmal im Estadio Nacional. Ich freue mich, auf der großen Bühne viele alte und neue Freunde zu sehen und zu hören.

Als Dank an meine Gastgeber in Chile und als Gruß an alle, die mit Chile solidarisch waren und sind, ein kleiner Abschnitt aus dem Canto General.

9. Dezember 2012: Die Wiedergeburt des chilenischen Sozialismus

Im Nationalstadion von Santiago de Chile treffen sich am Abend des 8. Dezember zum Abschluss der Aktionen anlässlich des Gründungsjubiläums der Kommunistischen Partei Chiles mehr als 60.000 Menschen, sehr viele junge Leute sind hier. Ein großes Konzert chilenischer und lateinamerikanischer Künstlerinnen und Künstler begeistert die Anwesenden. Das Konzert ist Victor Jara gewidmet, eröffnet wird es mit dem Auftritt von Silvio Rodriguez, dessen Texte hier alle auswendig können. Die chilenische linke Bewegung war immer auch eine Kulturbewegung und sie ist wieder auf dem Wege dahin.

Wir, die ausländischen Genossinnen und Genossen, hatten das Nationalstadion durch jenen Eingang betreten, der in den Tagen nach dem 11. September 1973 der Hauptzugang in das Konzentrationslager Estadio Nacional war. Über 20.000 Menschen sind hier gefangen gehalten worden, wurden gefoltert und viele sind ermordet worden. Noch immer kämpft die 'Bewegung gegen das Vergessen' für eine würdige Stätte der Erinnerung. In einem kleinen, abgetrennten Teil im Stadion sind die alten Holzbänke, die mir von so vielen Fotos bekannt sind, stehen geblieben. Wir dürfen für einen Moment Platz nehmen und gedenken derer, die vor fast vierzig Jahren auf diesen Plätzen saßen. Später am Abend werden von diesen Plätzen Kerzen in das Stadion leuchten.

Es ist fast Mitternacht, als 'Inti Illimani' die Bühne betreten; sie sind alle dabei, die ältesten und die jüngsten Mitglieder der in der ganzen Welt bekannten Gruppe. Die „Intis“ stimmen Venceremos an und das ganze Stadion singt mit. Viele, auch ich, kämpfen mit den Tränen. In diesem Stadion erklingt nach vier Jahrzehnten wieder dieses Lied und Sprechchöre feiern und fordern 'Pueblo unido', das vereinte Volk, das siegen wird. Tränen der Freude und der Solidarität haben die Schande dieses Ortes abgewaschen. Victor Jara war stärker als seine Peiniger und Mörder und das vereinte Volk wird siegen!

Irgendwann nach 1 Uhr ergreift Guillermo Tellier, Abgeordneter und Vorsitzender der KP Chiles, das Wort. Er spricht vom neuen Chile und dass die Studierendenbewegung diesem neuen Chile Bahn gebrochen hat. Die Angst ist abgefallen. Die Wiedergeburt des chilenischen Sozialismus ist weltweit begleitet worden. Und alle gemeinsam, es ist inzwischen 2 Uhr am Morgen, singen wir „die Internationale erkämpft das Menschenrecht“!