Meinst Du, die Russen …

08.04.2014

Meinst du, die Russen wollen Krieg? Das glaubt hier keiner, aber wie man aus der Krim- und anderen Krisen herauskommt, weiß auch so richtig keiner. Es fällt auf, dass die entscheidenden Schritte zwischen Russland und den USA verhandelt werden. Das Duo Kerry und Lawrow scheint zu funktionieren. Zumindest besser als die Abstimmung in der europäischen Politik. Die Impulse gehen von dieser Ebene aus und werden dann, wenn alles klappt, auf internationalen Konferenzen umgesetzt.

 

Reisetagebuch Moskau im April 2014 (2)

Nachdem ich gestern mit dem neuen deutschen Botschafter in Moskau gesprochen habe und mir heute im russischen Außenministerium die offizielle Position Moskaus anhören konnte, war ich dann bis in die Abendstunden mit linken, Putin-kritischen Intellektuellen zusammen, und immer wieder kamen mir die Textzeilen von Jewgeni Jewtuschenko in den Sinn: Meinst Du, die Russen wollen Krieg?

Meinst du, die Russen wollen Krieg?
Befrag die Stille, die da schwieg
im weiten Feld, im Pappelhain,
Befrag die Birken an dem Rain.
Dort, wo er liegt in seinem Grab,
den russischen Soldaten frag!
Sein Sohn dir drauf Antwort gibt:
Meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen wollen Krieg?

Das glaubt hier keiner, aber wie man aus der Krim- und anderen Krisen herauskommt, weiß auch so richtig keiner. Es fällt auf, dass die entscheidenden Schritte zwischen Russland und den USA verhandelt werden. Das Duo Kerry und Lawrow scheint zu funktionieren. Zumindest besser als die Abstimmung in der europäischen Politik. Die Impulse gehen von dieser Ebene aus und werden dann, wenn alles klappt, auf internationalen Konferenzen umgesetzt. Ein wichtiges Dokument, ich gebe zu, das ist mir jetzt erst so ganz klar geworden, ist die Vereinbarung vom 21. Februar, die nicht umsonst von den Außenministern Deutschlands, Frankreichs und Polens befördert wurde. Zerstört wurde die Umsetzung dieses Dokumentes vom Maidan.

Was sich in der aktuellen Politik an Lösungswegen andeutet - eine neue ukrainische Verfassung, die einen föderativen Charakter und Staatsaufbau beschreibt, der Erhalt der Blockfreiheit der Ukraine, die gegenseitige Garantie von Grenzen - scheint nicht mehr ganz aus der Welt zu sein. Ungeklärt erscheint aber die Frage: Zuerst eine neue Verfassung oder zuerst neue Wahlen? So richtig glaubt niemand an die Wahlen am 25. Mai. Dass ein neuer Präsident gewählt wird oder eine Präsidentin, wird für möglich gehalten. Ob aber zugleich auch ein neues Parlament gewählt werden kann, ist offen. Nebenbei, jetzt kapiere ich auch, was der Begriff „Schlagabtausch“ bedeutet – wobei, das ist nicht wirklich lustig (http://www.t-online.de/nachrichten/specials/id_68893902/ukraine-abgeordnete-pruegeln-sich-im-parlament-von-kiew.html).

Linke Intellektuelle aus Russland schildern mir ihre Eindrücke von der ukrainischen Maidan-Bewegung. Sie gehen davon aus, dass diese Bewegung ursprünglich aus sozialen und demokratischen Motiven, als Protest auch gegen Korruption gestartet ist. Übrigens – Präsident Putin teilt diese Auffassung in seinen Reden. Aber relativ rasch wurde dieser Protest von Rechten unterwandert, gesteuert und umgedreht. Die unausgesprochene Kritik, dass die Linke in Westeuropa und in Deutschland stark in geostrategischen Kategorien denkt, aber solide Analysen der ökonomischen Situation in der Ukraine bisher nicht vorgelegt hat, kann ich nicht entkräften. Meine Gesprächspartner machen mich auf eine Analyse zum Thema „Russland, USA, die Lage in der Ukraine und das transatlantische Freihandelsabkommen“ aufmerksam. Diese Analyse gibt es zur Zeit nur in Russisch, aber ich werde mich um eine zügige und gute Übersetzung bemühen.

In diesem Zusammenhang elektrisiert mich natürlich die Nachricht, dass in der Ukraine Söldner privater US-amerikanischer Sicherheitsdienste, so der Blackwater-Nachfolgerfirma academi bzw. des Subunternehmens Greystone Ltd., agieren sollen. Und das wohl nicht nur in Kiew. Vielleicht in Donezk, Charkow oder anderen ostukrainischen Städten, wo „Aufstände“ niedergeschlagen werden, wie BILD-online heute kurzzeitig getitelt hatte? (http://de.ria.ru/politics/20140408/268225053.html) Und mit der Erörterung der Lage im Osten der Ukraine kommt wieder eine Frage auf, die ich nicht beantworten kann: Warum ist im Osten der Ukraine, in Charkow, in Donezk, das, was in Kiew als demokratische Empörung gefeiert wurde, ein Staatsverbrechen? Ich schaue mir mit meinen Gesprächspartnern zusammen die Videobilder an. Sie machen mich darauf aufmerksam: Siehst Du, dass auf diesen Bildern viele schlechter gekleidete, sozial schlechter gestellte Menschen zu sehen sind? Hast Du das so auch in Kiew gesehen?

Offensichtlich ist es so, dass die Meinung der Fraktion DIE LINKE in Russland derzeit hoch im Kurs ist. Viele Gesprächspartner fragen mich, wo man denn die Reden von Gregor Gysi am besten sehen könne? Gehört haben sie viel davon.

Morgen dann Gespräche im Parlament. Ich bin sehr gespannt auf die Meinungen und Positionen der Kollegen in der Staatsduma. Im Außenministerium habe ich mich heute mit der Feststellung verabschiedet, dass ich mir sicher sei, man brauche in Deutschland eine neue Ost-Politik, und ich habe meinen russischen Gesprächspartner gefragt, ob es eigentlich eine neue West-Politik in Russland gibt. Er lächelte und meinte, er habe über diese Frage noch gar nicht nachgedacht.


Jewgeni Jewtuschenko

Meinst du, die Russen wollen Krieg?

Meinst du, die Russen wollen Krieg?
Befrag die Stille, die da schwieg
im weiten Feld, im Pappelhain,
Befrag die Birken an dem Rain.
Dort, wo er liegt in seinem Grab,
den russischen Soldaten frag!
Sein Sohn dir drauf Antwort gibt:
Meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen wollen Krieg?

Nicht nur fürs eig’ne Vaterland
fiel der Soldat im Weltenbrand.
Nein, daß auf Erden jedermann
in Ruhe schlafen gehen kann.
Holt euch bei jenem Kämpfer Rat,
der siegend an die Elbe trat,
was tief in unsren Herzen blieb:
Meinst du, die Russen woll’n…

Der Kampf hat uns nicht schwach gesehn,
doch nie mehr möge es geschehn,
daß Menschenblut, so rot und heiß,
der bitt’ren Erde werd’ zum Preis.
Frag Mütter, die seit damals grau,
befrag doch bitte meine Frau.
Die Antwort in der Frage liegt:
Meinst du, die Russen woll’n…

Es weiß, wer schmiedet und wer webt,
es weiß, wer ackert und wer sät -
ein jedes Volk die Wahrheit sieht:
Meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen woll’n,
meinst du, die Russen wollen Krieg?
(1961)